Die Kunst: Ein kleiner Auf- und ein noch größerer Abgesang (♫)

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Die Kunst: Ein kleiner Auf- und ein noch größerer Abgesang (♫)

Manchmal, so Ingo Munz, vermag man Gespräche mit guten Freunden noch Wochen später regelrecht aufzusagen, sie zu protokollieren, sie nachzusingen. Lege man sich ins Zeug und übertreibe ein wenig hier, füge vielleicht dort ein Wörtchen hinzu, so könne ein bisweilen recht hübscher Gesang entstehen. Ein Gesang, der nicht weiter erklärt, interpretiert und flankiert werden müsse, ähnlich wie bei Werken der Malerei, die durch Reden, ausschweifende Artikel in Ausstellungskatalogen und auch durch Bildbeschreibungen im Grunde genommen nur an Reiz verlieren könnten.

 

Die Kunst – ein kleiner Auf- und ein noch größerer Abgesang

von Ingo Munz

Die Interpretation von Volker Troche anhören:

Er habe lange, ganz lange schon vor jenem Bild gestanden,
Habe unter der Glorie just dieses Bildes schnell vergessen
Sein noch immer andauerndes Promotionsvorhaben.
Ohnehin sei er ergriffen, häufig, von Tönen und Klängen,
Von der Musikalität auf Leinwänden.
Auch manche Farben, das gelbe Rot, das grüne Blau
Erzählten ihm ganze Romane, bisweilen gar, sagte mein Freund,
Bisweilen sprächen aus ihnen Pinien, Holundersträuche, ganz generelle Träume und die skurrilsten Fantasien von Kindern, von Trinkern, von meinetwegen Mäusebussarden.

Dann, so mein Freund, schleppe er diese Eindrücke sämtlich nach Hause.
Einige krabbelten auf direktem Wege aus den Leinwänden,
Andere aber wurzelten eigentümlich in jenen Gesetzmäßigkeiten,
Die ein jeder wohl kenne von so manch anderem kulturellen Event.
Gemeint, so er, seien die Bände sprechenden Mienen, Blicke,
Kommentare der anwesenden Verständigen in Sachen Kunst.

Großen Gefallen finde er beispielsweise an den Augenbrauen vieler Besucher,
Die in einer Art Krümmung des Hochmuts eine Handbreit bloß oberhalb der Münder sich vorfänden. Münder im Übrigen,
Die von beißender Langeweile meist grauenhaft verzerrt seien, obwohl doch alle ein äffisches Gezänke und Gefeilsche um Aufmerksamkeit, um äffische Einzigartigkeit und äffische Individualität an den Tag legten, wie in einem Zirkus oder in einem modernen, äffischen Büro, wo ausgefahrene Ellbogen für Brennen in den Eingeweiden sorgten und hart erkämpfte Hierarchien bestimmten, wann Einatmen angebracht und ein Ausatmen, sozusagen, sich anbieten würde.

Daraufhin schüttelte mein Freund den Kopf und sprach mir von seinem
Übergroßen Unverständnis, da es sich in der Kunst doch
Meistenteils und ohnehin
Und meistenteils und ohnehin
Und meistenteils und ohnehin
Und meistenteils und ohnehin
Um Wiederholungen handele
Oder aber um völlig unzugängliche Unzulänglichkeiten,
Die man selbst dann nicht verstehen könne,
Wenn man den Künstler höchstpersönlich einer Psychoanalyse unterzogen hätte.
Die vielgerühmte kritische Distanz, diese Einladung zur immerwährenden Abgrenzung,
So mein Freund, habe einen gesunden Zugang zur Kunst verunmöglicht.

Zu einer einzigen Persiflage ihrer selbst sei die Kunst verkommen, was im Grunde genommen kein großes Problem darstellte, wenn denn ansonsten alles in Ordnung wäre und man tatsächlich sich einer hemmungslosen Dekadenz hingeben könnte.

Zu Zeiten aber, so mein Freund, da man selbst die Moral ökonomisiert habe, da
Alle lügen und sich verbiegen und schauspielern, da, wie mein Freund sich ausdrückte, grassierende Portemonnaie-Pragmatismen in Kombination mit der Impertinenz des Unmachbaren gefangen und schon halb verfault in den urinschwangeren Nischen und Winkeln lägen,
Zu Zeiten, da allzu sanftmütige Wirren für bleierne Beliebigkeit sorgten, da einzig Egomanie und fortwährende Ideologiekritik die Kunst bevölkern würden, da er,
Wie mein Freund nun felsenfest behauptete, schon seit Jahren auf dem Theater,
In den Museen und Konzertsälen nichts mehr gesehen, gehört, gespürt habe,
Das auch nur irgendetwas, nur irgendetwas mit ihm
Machte,
Gerade zu solchen Zeiten wundere es ihn, dass
Er die Kunst tatsächlich und noch immer nicht für überflüssig
Erachte.

 

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