Ich liebe leidenschaftliche Menschen

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Ich liebe leidenschaftliche Menschen

Ich nenne einige Unarten mein Eigen, einige. Eine solche Unart, scheint mir, treibt es derzeit ganz besonders heftig. Es geht um die Zeit, um unsere Zeit, also um die Gegenwart. Denn immer dann, wenn ich etwas für unsere Zeit Typisches wahrnehme, etwas, das mir missfällt, ein Gebaren vielleicht, das ich nicht nachvollziehen, geschweige denn verstehen oder gar erklären kann, immer dann mach ich’s mir leicht und raune, begleitet von einer wegwerfenden Handbewegung, so etwas wie: Das ist mal wieder typisch postmodern. Und postmodern ist vieles, derzeit. Dass dieser, mein Gedanke nicht ganz ausgreift ist, dass er meinem Ruf als Vereinfachungsakrobat Vorschub leistet, ist mir bewusst. Auch weiß ich, dass selbstverständlich jede Zeit ihre eigenen Gemütspathologien entwickelt: Wer im Schützengraben hunderte seiner Kameraden hat verenden sehen, wer immer nur daran denken kann, wie er das Loch in seinem Bauch gefüllt bekommt, wer sich gefallen lassen musste, ohne Mutterliebe aufzuwachsen und so weiter und so fort, der wird höchstwahrscheinlich auch den ein oder anderen Sprung in der Schüssel entwickeln. Einen Sprung in der Schüssel, der anders ist als die heutigen Sprünge in den heute meist properen Schüsseln. Denn freilich und Gott sei Dank können die heutigen Sprünge in den Schüsseln nur mehr noch selten von Schützengräben und Hunger herrühren.

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Ich habe Psychologie studiert, lange, sehr lange, bestimmt drei Wochen lang. Ich bin also kompetent genug, um den Sprung in der Schüssel des postmodernen Menschen näher zu charakterisieren. Während sich die meisten Menschen jenen Sprüngen in der Schüssel über das gewaltige Wörtchen „Sinn“ nähern und es garnieren mit dem Wort „Verlust“, greife ich zu dem schönen Wort „Leidenschaft“ und spreche von einem Mangel derselben. Mit Leidenschaft meine ich naturgemäß nicht jene, die manche ergreift beim Schweinsbraten essen oder beim Ausüben der anderen weltweit berühmten Sache, ich meine eine Leidenschaft, die über den sinnlichen Genuss hinausgeht, eine, die fortdauert und übers Ich hinausragt. Ich will Ihnen, so Sie noch Zeit haben, ein Beispiel erzählen. Beispiele sind nämlich immer gut.

Nehmen Sie mal an, Sie hätten ein Buch geschrieben, einen Roman. Gehen Sie bitte weiters davon aus, Sie hätten mit der Suche nach einem Verlag erst gar nicht begonnen, aus verschiedenen Gründen, unter anderem deshalb, weil Sie ein besonders schönes Buch vorlegen wollten, also kein ausgedrucktes Word-Dokument oder ein Iiieeeh-Buck oder so etwas. Jetzt bitte stellen Sie sich vor, Sie tränken gerne guten Whiskey, auch gerne mal einen zu viel, so dass Ihnen die Bedeutung einer Schnapsidee nicht allein aus Lehrbüchern bekannt wäre. Und eine solche Schnapsidee brächte Sie kurzerhand dahin, einen Verlag zu gründen – und zwar mit einem Budget von 0 Euro.

Anstelle eines Leitbildes: Ein Interview zwischen Lovis Löwenthal und Ingo Munz.

Pardon, ich wollte Ihnen von der Leidenschaft erzählen, von einem leidenschaftlichen Menschen. Einen kleinen Bogen muss aber ich noch schlagen. Es ist klar: So ein Verlag benötigt ja mehr als Manuskripte. Sie brauchen also einen Menschen, der sich mit Marketing auskennt, einen, der den Vertrieb übernimmt, einen, der sich um die Buchhaltung kümmert und ums Lektorat und so weiter und so fort. Sie brauchen ganz gewiss auch einen Menschen, der das Ganze in eine Form bringt, der es schön macht, der alles gestaltet. In der Gestaltung geht es aber um mehr als die Frage, ob ein brauner Gürtel zu schwarzem Schuhwerk passt. Deshalb brauchen Sie einen Menschen, der sich etwas länger als drei Wochen mit der Materie beschäftigt hat. Schließlich muss ein ordentliches Buch ja nicht nur ordentlich gesetzt oder, wie im Fall von „Das Nicht und die Liebe“, illustriert werden. Ein Buch, das wirklich schön werden soll, benötigt zudem eine gute Druckerei, nicht so ein Online-Dingen in Tschechien oder sonstwo – mit Verlaub: nix gegen Tschechen oder Sonstwoige – aber da braucht man eine Druckerei, mit der man noch kommunizieren kann, so von Mensch zu Mensch, von Experte zu Experte. Da geht es um Millimeter und kleinere Einheiten, da geht es um große Sorgfalt und einen wachen Geist, damit dann schlussendlich ein druckfertiges PDF erstellt werden kann. Haben Sie solch einen Gestalter für Ihr Projekt gewinnen können, einen Gestalter, der nach wochen- und monatelanger Arbeit irgendwann auf den roten Knopf drückt und der Druckerei ein druckfertiges Dokument übersendet, dann können Sie getrost und überaus berechtigt Freudensprünge an den Tag legen, hunderte, weil Sie jetzt wissen, dass Sie einen kompetenten Mann an Ihrer Seite haben.

Ich habe, wie ich das eigentlich immer mache, vor allem aus Gründen der Dramaturgie, ein wenig Anlauf genommen. Aber der war nötig, denn jetzt komme ich auf den Punkt, jetzt komme ich zur Leidenschaft.

Kennen Sie Bönen? Bönen ist eine Kleinstadt am Rande des östlichen Ruhrgebiets, Westfalen, im Grunde eine recht unprätentiöse Pforte hinein ins „richtigandee“ Westfalen, Ostwestfalen, Paderborn und so… Früher gab es in Bönen mal `ne Zeche, heute nicht mehr. Damit zumindest einige Bönener weiterhin in Lohn und Brot stehen, haben in den letzten Jahrzehnten die Stadtoberen in der Peripherie der Kleinstadt ein Industriegebiet etabliert. Darin tummeln sich allerhand Klein- und mittelständische Unternehmen. Eines davon ist die DruckVerlag Kettler GmbH. Und eben dorthin ist besagter Gestalter am Tag der Drucklegung gereist.

Ein sonniger Februartag beim Druckverlag Kettler in Bönen: endlich geht »Das Nichts und die Liebe« (DNUDL) in Druck. Aber dort hinten, sehen Sie die Wolken?

Ein sonniger Februartag beim Druckverlag Kettler in Bönen: endlich geht »Das Nichts und die Liebe« (DNUDL) in Druck. Aber dort hinten, sehen Sie die Wolken?

Besagter Gestalter, Stefan Michaelsen sein Name, hätte dies nicht mehr zu tun brauchen, sein Job war eigentlich bereits erledigt, sehr gut erledigt. Warum er es dennoch tat? Leidenschaft! Durch die Präsenz vor Ort, vermute ich, wollte er zeigen, dass ihm ganz besonders viel an einem Gelingen des Buchs liege, obwohl wir beide zu dem Zeitpunkt schon wussten: auf diese Druckerei kann man sich verlassen, die fragen nach, wenn etwas unklar ist. Damit es aber schneller geht, das Rückfragen, und nicht erst wieder E-Mails und Telefonate … Sie wissen schon, was ich meine, damit es schneller geht und besser wird, bin ich halt vor Ort, dachte sich der Stefan Michaelsen, und überhaupt, dachte der Stefan Michaelsen bestimmt, überhaupt: schwarz ist nicht gleich schwarz.

Der Gestalter und der Fadenzähler: Wie schwarz ist das Schwarz wirklich?

Der Gestalter und der Fadenzähler: Wie schwarz ist das Schwarz wirklich?

Und ich lerne ja auch hinzu, also wie die Dinge wirklich funktionieren, ich lerne die Menschen der Druckerei persönlich kennen, das macht es leichter, dachte sich der Stefan Michaelsen, später, wenn andere Bücher hinzukommen und die Zeitschrift, Unserheft, so wird sie doch heißen. Und dann, dann ist der Stefan Michaelsen mit ein paar Druckbögen unterm Arm wieder nach Hause gefahren, in sein Atelier, und da hat er die Druckbögen fein säuberlich an die Wand gehängt, hat sich zurückgelehnt und die Gedanken schweifen lassen, denn man muss das Buch ja auch bekannt machen, hat sich der Stefan Michaelsen gedacht, und wir sind ja nur ein kleiner Verlag, hat der Stefan Michaelsen gedacht, da könnte man vielleicht einen Bogen nehmen und ihn ganz einfach umfunktionieren in ein Plakat, das kostet nichts und sieht trotzdem schön aus, ist nachhaltig und pfiffig. Und dann bin ich, also ich, dann bin ich ins Atelier zu dem Stefan Michaelsen gefahren, nach der Lesung von Iris Radisch im Folkwang, und habe zwei Bier mitgebracht und die Bögen an den Wänden gesehen, und da dachte ich: Mein Gott, das ist Leidenschaft! Denn die ist wichtig, dachte ich, denn ich bin ziemlich nervös und aufgeregt wegen der Buchstaben und deren Anordnung, also nervös wegen den Wörtern und den Sätzen, also ob die auch gut sind – ich will ja niemanden langweilen – und vierundzwanzig Euro neunzig muss ich schon nehmen für so ein Buch, das ist ja echtes Geld, und wenn dann die eine Seite, also die Gestaltung des Buchs, wenn die dann schon mal großartig ist, dann beruhigt mich das, dann kann so viel schon nicht mehr schief gehen. Und deswegen liebe ich leidenschaftliche Menschen, weil sie einen beruhigen und mitreißen und einen Optimismus verströmen, der ganz einfach wichtig ist, wenn man Unmögliches bewerkstelligen möchte, nämlich als kleiner Verlag und unbekannter Autor und unbekannter Zeichner in dem Haifischbecken Buchhandel ein Werk unters Volk zu bringen,

Das anders ist als die anderen.

Qualität hat seinen Preis: Ist der Farbauftrag auf Vorder- und Rückseite (oder hübscher: bei Schön- und Widerdruck) gleich?

Qualität hat seinen Preis: Ist der Farbauftrag auf Vorder- und Rückseite (oder hübscher: bei Schön- und Widerdruck) gleich?

Laut ist es! Der Fachmann überwacht Druckwerke und Farbführung.

Laut ist es! Der Fachmann überwacht Druckwerke und Farbführung.

Ist alles eingestellt, läuft die Maschine gerade mal 10 Minuten, um einen von insgesamt 14 Bögen für 750 Exemplare zu produzieren. Dieser hier ist allerdings noch Makulatur.

Ist alles eingestellt, läuft die Maschine gerade mal 10 Minuten, um einen von insgesamt 14 Bögen für 750 Exemplare zu produzieren. Dieser hier ist allerdings noch Makulatur.

Schöne Buchstaben wurden schön gesetzt.

Schöne Buchstaben wurden schön gesetzt.

 

Das Nichts und die Liebe

Ein gänzlich humorloses, dafür durchaus politisches Erzählwerk

von Ingo Munz, mit 25 Zeichnungen von Stefan Michaelsen

216 Seiten, Fadenheftung mit Umschlagprägung

ISBN: 978-3-944585-03-1

Preis: 24,90 Euro Zum Online-Shop

Ein Rezensionsexemplar können Sie bestellen unter »Presseinformationen«.

Weitere Informationen zu »Das Nichts und die Liebe«.

Der Fachmann der Druckerei Kettler in Bönen wechselt die Druckplatten.

Der Fachmann der Druckerei Kettler in Bönen wechselt die Druckplatten.

Die Druckplatte Schöndruck Bogen 5 ist reif für die Aluminiumwiederverwertung.

Die Druckplatte Schöndruck Bogen 5 ist reif für die Aluminiumwiederverwertung.

Prüfende Skepsis oberhalb des linken Auges: Stefan Michaelsen, Zeichner, Gestalter und Chef vom Dienst des Erzählwerks.

Prüfende Skepsis oberhalb des linken Auges: Stefan Michaelsen, Zeichner, Gestalter und Chef vom Dienst des Erzählwerks.

 

Zur Homepage von Stefan Michaelsen, dem überzeugten Kommunikationsdesigner und leidenschaftlichen Menschen.

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