Kurze Prosa und Musik

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Kurze Prosa und Musik

2013 gewann Alice Munro den Nobelpreis für Literatur. Ihr Werk, so zumindest heißt es, bestehe nur aus Kurzgeschichten. Die Verwendung des Wörtchens »nur« offenbart den Stellenwert, den wir Europäer seit jeher Kurzgeschichten beimessen. Schreibt einer »nur« Kurzgeschichten, so erklären wir uns dieses Gebaren wie folgt: Entweder braucht der Autor kurzfristig Geld und will seine Geschichten schnell an Zeitungen verhökern (siehe bspw. Anton Cechov) oder aber er muss die Praktikabilität eines (neu eingeführten) Stils testen, bevor er sich an die eigentliche Arbeit macht – wie das Verfassen eines Romans (siehe bspw. Robert Musil).

Im englischsprachigen Raum genießt die short story einen ungleich besseren Ruf. Die »Königin der Kurzgeschichte«, jene Alice Munro, ließ einmal verlautbaren, sie interessiere sich für das Wesentliche, für große Umwege sei in einer Kurzgeschichte sowieso kein Platz. Tatsächlich kenne ich keinen einzigen Roman, der bisweilen nicht ins Labern verfällt und der bisweilen nicht den Eindruck weckt, hier wolle einer „Zeilen machen“.

Lesung im Düsseldorfer »damenundherren« – wer erkennt Niekohle Tzanakis? Foto: Richard Rosenthal.

Lesung im Düsseldorfer »damenundherren« – wer erkennt Niekohle Tzanakis? . Foto: Richard Rosenthal.

Ingo Munz: Ich liebe Geschichten – bitte aufklappen!

Ich liebe Geschichten! Ich liebe Geschichten mit einem Anfang und einem Ende, ein Ende, das ein Ausrufezeichen setzt. Das so beliebte offene Ende ist meine Sache nicht. Zur Meisterschaft, so bin ich überzeugt, hat es eine Geschichte dann geschafft, wenn sie zwar unmissverständlich klar macht: hier ist Schluss! sie aber dennoch mehrdeutig bleibt. Eine Mehrdeutigkeit, die sich freilich nicht allein auf das Ende bezieht, sondern vor allem die Motive und Handlungen der Protagonisten meint.

Zu meinen bevorzugten Stilmitteln gehört, auch in der kurzen Prosa, die Retardation, also die Verlangsamung, das Verzögern der literarischen Handlung. Bisweilen übertreibe ich gerne, um die Geschichten dort anzusiedeln, wo es am spannendsten ist: auf der Naht zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

Während der Erzählung sehe ich meine Hörer gerne schmunzeln. Ein gefälliges Lächeln nach Abschluss der Geschichte kann mir allerdings gestohlen bleiben. Ich kalkuliere also bereitwillig ein, kein uneingeschränktes Lob einzuheimsen. Ja, wer sich vor der Nachtruhe noch ein wenig amüsieren und sein Tun und Denken bestätigt wissen will, der wird mit meinen Geschichten nicht glücklich werden.

Freilich ist mein Ziel nicht per se, anderer Meinung als der Hörer zu sein, ihn zu irritieren oder gar zu provozieren, aber ich gestehe ein, dass ich eine Geschichte, die heute beklatscht, morgen aber bereits vergessen ist, für gescheitert, für schlecht und nicht der Rede wert halte!

Zum literarischen Verständnis des Ingo Munz

Tatsächlich steht und fällt die Güte einer Kurzgeschichte mit der Idee. Sie gilt es zu verfolgen und voranzutreiben. Meine These: Die besten Romane unserer Welt kommen gut ohne diese Idee aus. Eben weil die Kurzgeschichte bei dieser einen Idee bleiben muss, vermag sie wunderbar, das mit der Idee verknüpfte Temperament auf die Spitze zu treiben, und zwar insbesondere dann, wenn ihr Musik zur Seite steht.

Mittlerweile weiß ich genau, welche Gefühle meine Kurzgeschichten bei den Zuhörern hervorrufen. Korrespondiert die Emotionalität des Textes mit der Emotionalität der Musik, entsteht zwangsläufig eine wunderbare Atmosphäre. Da ich das Wörtchen »Kurzgeschichte« nicht aus der Schmuddelecke werde holen können, nenne ich das Genre etwas erhabener »Kurze Prosa«. Das Format heißt mithin: »Kurze Prosa & Musik«. Seine gelungene und stimmungsvolle Premiere feierte es gemeinsam mit dem Pianisten Sternlumen Ende Juli 2015 im Düsseldorfer WP8.

Ingo Munz mit Sternlumen am 31. Juli 2015 im Düsseldorfer WPAcht. Foto: Richard Rosenthal.

Ingo Munz mit Sternlumen am 31. Juli 2015 im Düsseldorfer WPAcht. Foto: Richard Rosenthal.

 

Die kurze Prosa des Ingo Munz

»Sie nannten ihn Klacker-Kliemeck«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 18 Minuten

Temperament: lakonisch, erregt

Entstehungszeit: Januar 2017

Inhalt: Bei Klacker-Kliemeck klappert’s die ganze Zeit, weil er immer Kannen, also Spraydosen mit sich schleppt. Er ist Streetart-Künstler, Graffiti und solche Sachen. Wir begleiten ihn im Alltag. Morgens, in „seiner“ U-Bahn-Station seiner Heimatstadt Essen fällt ihm auf, dass diese im Grunde seit zwanzig Jahren renoviert wird, also die U-Bahn-Station beziehungsweise die Verteilerebene. Welche Schweine füllen sich mit dieser Dauerbaustelle wohl den Ranzen? Er regt sich auf. Am meisten aber regt er sich darüber auf, dass sich gerade in seiner Heimatstadt niemand darüber aufregt. Sind denn bereits alle vonne WIZ, äh WAZ gleichgeschaltet worden? Oder ist der Ruhri tatsächlich indolenter und dümmer als der Kölner oder der Berliner? Letztlich landet er bei seiner Kunst. Fehlt Ihr vielleicht doch eine wirkungsvolle Instanz, gerade jetzt, wo alle Welt von der Macht des Bildes redet und wir Vereinfachungsakrobaten nur mehr noch mit Emojis operieren, wenn wir Gefühle auszudrücken versuchen?

Auszug:»Ich will hier ja nicht mit dem Totschlag-Argument kommen, also mit den Kindergartenplätzen und so weiter, ich denke aber, dass so ein Freibad, wo man an heißen Tagen noch ein Stück Wiese findet, ich denke, dass funktionierende Straßenlaternen in Huttrop, Katernberg oder Vogelheim, dass das schon mit diesem Geld gut finanziert werden könnte. Und, Pardon!, ich muss nun doch damit anfangen, denn die Essener Grundschule, die nicht vom Keller bis hoch zum Dachfirst vergammelt und verschimmelt wäre, die muss man ja erst mal ausfindig machen! Und die Grundschulen, wo, wenn eine Lehrkraft mal ausfällt, wo dann einfach stundenlang nix … also gar nix passiert und unsere Liebsten und Förderungswürdigsten dann bescheuert in die Luft äugen und darauf warten, dass Langeweile und Schimmel so peu à peu das Gehirn zersetzen, – diese Grundschulen würden sich auch über den ein oder anderen Pfennig freuen, der stattdessen und seit Jahrzehnten in diese Dauerbereicherungsstätte fließt.«

»Eine Geige für Alima (Roemisch Eins)«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 15 Minuten

Temperament: poetisch, musikalisch

Entstehungszeit: Juni 2016

Inhalt: Ein Mann sitzt am Wegesrand. Er spielt Geige. Ungewöhnlich spielt er. Bald hört ihm ein junges Mädchen zu. Der Geiger erzählt ihm vom Zufall, von den Erwartungen und den Erfindungen des Menschen: »Meine Lieblingsmusik ist immer die, die ich noch nicht gehört habe.« Zwischen dem Geiger und dem Mädchen, das sich erweist als Flüchtlingskind, entspannt sich eine Unterhaltung, die von der dargebotenen Musik getragen wird: »Der Mensch will Freiheit mit Zwängen errichten. Hüte dich vor den Erfindungen des Menschen! Auch die Harmonie, Alima, ist nur eine Erfindung …«

Auszug: »Aber was für ein ewiger Moment! Alima wagte nicht, sich zu rühren, selbst das Atmen stellte sie ein. Erst als der Zufall erneut die Erwartungen zerschnitt, atmete Alima hörbar aus. Einige Minuten später ließ der Geiger sein Stück allmählich auslaufen. Als er geendet hatte, sagte er recht lapidar: »Meine Lieblingsmusik, Alima, ist immer die, die ich noch nicht gehört habe.«

»Das Wohnzimmer«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 15 Minuten

Temperament: getragen, melancholisch

Entstehungszeit: Februar 2016

Inhalt: Ein Mann erzählt, wie eine Fliege versucht zwischen Gardine und Fensterscheibe in die Freiheit zu gelangen. Wenn sie nur ein bisschen Verstand besäße, könnte sie hinterm Vorhang hervor und über die anderen Räume bald ins Freie gelangen. Der Mann schildert die Räumlichkeiten. Es muss in letzter Zeit Veränderungen gegeben haben, die ihm das Herz zerreißen.

Auszug: »Und plötzlich nahm ich die Fliege dort hinter der Gardine wieder wahr und da wusste ich endlich, was die Anna wollte und ich habe gesagt: Soll ich die Fliege hinauslassen? Und jetzt, da bin ich mir ganz sicher, da hat die Anna ganz gewiss gelächelt, das habe ich genau gesehen und ich habe mich gefreut, denn es ist ja immer so schön gewesen, wenn die Anna gelächelt hat und dann bin ich aufgestanden und hin zum Fenster gelaufen.«

»Eine recht kurze Geschichte über den Hochmut«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 40 Minuten

Temperament: wütend, humorvoll

Entstehungszeit: Dezember 2015

Inhalt: Ein Schriftsteller liest vor Publikum aus seinem Werk. Geschildert werden allerdings nur die ausgesprochen hochmütigen Gedanken des Schriftstellers während er liest. Bald wechselt die Perspektive und wir hören das Publikum nicht minder hochmütig denken. Eine Geschichte über unsere Zeit, in der sich doch jeder Einzelne im Grunde für den Größten hält.

Auszug: »Aber das Publikum, musste der Schriftsteller feststellen, war keines mehr. Fast alle lümmelten jetzt mehr oder minder auf ihrem Sitzmobiliar. Dieser gähnte offen, laut und schamlos, jener dort in der Ecke kaute genüsslich und – wie er fälschlicherweise annahm – unbemerkt auf einem Augenblicke zuvor eingeführten Popel herum. Seine Geschichte, des Schriftstellers Geschichte, seine Sätze, seine Worte und die von ihm so geliebten Buchstaben hatten aufgehört, sozusagen, zu existieren. Er war jetzt dort auf seiner Bühne nur mehr noch ein Narr, einer, den man auslacht, auf den man herabblickt mit allem Hochmut, der sich unter der Sonne so bereitwillig sehen lässt.«

»Der Killer von Montabaur«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 18 Minuten

Temperament: wütend

Literarische Besonderheiten: klassisch lineare Erzählung

Entstehungszeit: Juni 2015

Inhalt: Der Killer von Montabaur verlässt die Praxis seines Psychotherapeuten. Wütend ist er. Er läuft und wankt durch Düsseldorf, im Grunde ohne es zu bemerken. Wohin will er? Er schimpft auf alles und jeden. Warum? Was hat man ihm angetan? Und was hat er vor?

Auszug: »Der Killer von Montabaur zürnte jetzt. Bereits hatte er die Tiefgarage erreicht. Bald würde er in seinem Auto sitzen. Und jetzt nahm er sich seinen Psychiater vor. Nicht Schneider, seinen Therapeuten, den Psychologen, sondern seinen Psychiater, den Mediziner, der den Gelben Schein ausstellen darf und der über drei Jahre hinweg fast nie etwas gesagt und nie Zeit hatte, der ihn eigentlich nicht ein einziges Mal richtig angesehen hatte, der aber bereitwillig die Rezepte herausrückte: Meist für eine Familienpackung Lorazepam, diese ganz wunderbaren unscheinbaren Pillchen, die noch die größten Ängste wegblasen, die beruhigen, „tranquilizen“ und die uns in Kombination mit Schmerzmitteln, das weiß ein jeder Pharmazeut, alle zu kleinen oder größeren Godzillas werden lässt. Zu HB-Männchen. Nicht zu Wut-Bürgerchen, sondern zu echten Breiviks, zu richtig wütenden Zeitgenossen.«

»Enter«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 7 Minuten

Temperament: klar, philosophisch

Literarische Besonderheiten: moderner Stil; Mischung aus Innerer Monolog und Ich-Erzählung

Entstehungszeit: April 2015

Inhalt: Ein Mann will einen Raum betreten, seine Hand ist bereits am Türgriff. Bis es tatsächlich soweit ist, monologisiert und philosophiert der Protagonist über den Raum und unsere Erwartungen, wenn wir einen Raum betreten.

»Ich und meine Lampe«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 10 Minuten

Temperament: philosophisch, bedacht

Literarische Besonderheiten: moderner Stil; Mischung aus Innerer Monolog und Ich-Erzählung

Entstehungszeit: März 2012

Inhalt: Ein Mann unterhält sich mit seiner Schreibtischlampe. Das Hauptthema: Ob man denn wirklich seine Möglichkeiten ausschöpft. Bald wird die langjährige Beziehung diskutiert …

»Ulriken«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 25 Minuten

Temperament: poetisch, liebevoll

Literarische Besonderheiten: ein sehr metaphorischer Text alten, vor allem romantischen Stils mit allerhand Skurrilitäten

Entstehungszeit: Juni 2007

Inhalt: Durch einen Zufall trifft er Ulriken nach langer Zeit wieder. Sie werfen ihre Pläne über Bord und durchwandern auf der Suche nach Schönem einen Tag lang ihre Heimatstadt – am Morgen den Norden, danach den Süden Essens.

»Wahrheit Roemisch Eins«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 15 Minuten (Hörspiel-Fassung dauert 14:52)

Temperament: lustig, bissig, übertrieben

Literarische Besonderheiten: eine Polemik im Stile des direkt angesprochenen Thomas Bernhard

Entstehungszeit: Juni 2011

Inhalt: Ein Schriftsteller räsoniert über die Eingeborenen vonne Ruhr. Er redet sich in Rage. Er beschimpft, er übertreibt und am Ende findet er sogar einen recht versöhnlichen Ausgang.

Auszug: »Der vor keinem Gericht dieser Welt zu rechtfertigende Stolz aller Ruhris fußt auf Urgroßvaters Zeiten, als sie willfährige Waffenschmiede wilhelminischer und faschistischer Ungeheuer waren. Ihre Rolle in den Nachkriegsjahren überbewerten sie maßlos und blasen sie auf gerade so, als ob man Stahl fressen könnte. Dabei neiden sie auf ihrem Weg des steten Niedergangs, des fortdauernden Misserfolgs allen alles.«

»Wahrheit Roemisch Eins« ist eine von vier »Einfach Geschichten über das Ruhrgebiet. Mehr Infos dazu.

»Tun se alle am Bahnsteig stehn«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 12 Minuten (Hörspiel-Fassung dauert 12:42)

Temperament: lustig, bissig

Literarische Besonderheiten: im Dialekt des Ruhrgebiets geschrieben

Entstehungszeit: Juni 2009

Inhalt: Die großen Heroen der „Ruhrgebietskunst“, die ihr Publikum verwöhnen mit einem Niveau, »das so hoch ist wie die Berge des Wattenmeers«, tun im Vorfeld der Kulturhauptstadt 2010 zufällig alle »am Bahnsteig stehn«.

Auszug: »Abber die Touristen, sacht der Rothmann, wenn die dann kommen, wo sollen die denn hingehen? Mach ma halt ne Lesung, sacht der Goosen und der Zuch aus dem die Akyün gestiegen is, der steht immer noch da. Kommt die Gerburg Jahnke, nich ausm Zuch, weil der is ja grad abgefahrn, sondern, hömma, einfach so ausm Tunnel hoch und sacht: Wenn Donnerstach is, is Donnerstach. Und dabei war gar nich Donnerstach. Aber dat Wetter, hömma, dat Wetter. Und wat sacht der Stratmann dann ziemlich plötzlich, so ganz ausse Lameng? Heute komm ich Mal mit Mein Bein, und weißte wat, wat der Rothmann dann sacht? Hömma, ein Stier, ich bin ein Stier.«

»Tun se alle am Bahnsteig stehn« ist eine von vier »Einfach Geschichten über das Ruhrgebiet. Mehr Infos dazu.

»Dajana«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 18 Minuten

Temperament: liebevoll, zärtlich, vertrauensselig

Literarische Besonderheiten: klassische Liebeserzählung mit einer kleinen politischen Spitze

Entstehungszeit: Juni 2012

Inhalt: Die Abschlussklasse: Die neckische Claudia, die feurige Anna und jene Tanja, die zwischen Bauch und Hals etwas aufweist, was all das in den Schatten stellt, das die anderen Mädchen so zwischen Bauch und Hals aufweisen, erwecken die Aufmerksamkeit der Jungs. Die zurückhaltende Dajana hat es da zunächst schwerer. Aber gerade in jenem Moment, wo man sich für sie zu interessieren beginnt, muss sie tränenüberströmt und urplötzlich das Klassenzimmer verlassen – für immer.

Auszug: »Da tat sich zum einen, zwischen den oberen Schneidezähnen, ein kleiner Spalt auf, den Zahnlücke zu nennen übertrieben wäre, der aber doch vorhanden und nicht zu übersehen war. Ihr Mund, mit den nur leicht geschwungenen Lippen, wurde flankiert von zwei sichelförmigen Grübchen, die tatsächlich nicht einzig dann zum Vorschein kamen, wenn Dajana dieses verschmitzte Lächeln aufsetzte. Vor allem aber waren es ihre Augen, die dem Gesicht, ihrem ganzen Wesen einen spitzbübischen Frohsinn verliehen. Dajana nämlich schielte ein wenig. Ein Schielen, das über den Silberblick hinausging und das verstärkt wurde durch zwei große, kreisrunde, von einer silberfarbenen Fassung fixierte Brillengläser – alles in allem eine Dajana zu groß geratene Brille von jener Art, die insbesondere John Lennon populär gemacht hatte.«

»Unser Stupor itzt in Ödnis ...«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 16 Minuten

Temperament: krude, wütend, etwas zynisch

Literarische Besonderheiten: experimentell und etwas kafkaesk

Entstehungszeit: Juni 2013

Inhalt: Alle strömen in das Hotel. Eng ist es. Ein Mann will ein Zimmer und seine Ruhe. Vergeblich. Es wird getrampelt und getreten. Es gibt kein Entrinnen. Da versucht es der Mann mit Menschlichkeit – er wird ausgelacht. Er versucht es mit Selbstmord – er wird verurteilt. Eine kafkaeske Geschichte? Nein, nur eine weitere von Ingo Munz.

Auszug: »Tatsächlich, dies musste ich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt akzeptieren, tatsächlich barst diese Stätte des Alps vor menschlichen Körperhüllen, vor Bäuchen und meist behaarten Schädeln, vor Händen, Armen, Füßen und Beinen, deren rechtmäßige Besitzer in diesem Menschenklumpen unmöglich auszumachen waren. Ein einziger Vielling. Welches Monstrum hatte ein solches Monstrum gebären können?«

Die Geschichte erschien in der Zeitschrift Unserheft, Texte + Bilder.

»Die janusköpfige Reminiszenz an Oberhausen«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 14 Minuten (Hörspiel-Fassung dauert 15:32)

Temperament: gediegen, hanseatisch mit nur wenigen Ausbrüchen

Literarische Besonderheiten: klassische Erzählung, tatsächlich etwas dystopisch

Entstehungszeit: Mai 2010

Inhalt: Ein Großvater erzählt seinem Enkel aus jenen Zeiten, als es Oberhausen noch gegeben hat.

Auszug: »Die meisten Bürokraten hatten aber noch nie auch nur einen Fuß nach Oberhausen gesetzt, dachten aber, man müsse auf das Schicksal der vielen alten Fabrikhallen aufmerksam machen. Aber wiederum war keiner mutig. Man tauchte nur noch mehr alte Fabrikhallen in buntes Licht und nannte es fortan Kunst.«

»Die janusköpfige Reminiszenz an eine Stadt namens Oberhausen« ist eine von vier »Einfach Geschichten über das Ruhrgebiet. Mehr Infos dazu.

»Die Bilanz – eine kleine Abrechnung«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 13 Minuten (Hörspiel-Fassung dauert 13:10)

Temperament: humorvoll, etwas zynisch und nur wenig polemisch

Literarische Besonderheiten: viele Perspektivwechsel, häufiger Wechsel von direkter und indirekter Rede.

Entstehungszeit: Juni 2010

Inhalt: Der vergleichsweise junge Essener Literat besucht eine literarische Veranstaltung der Oberen Zehntausend. Inspiration erhofft er sich, da er gerade an einer Geschichte zum Thema »Sprachenvielfalt im Ruhrgebiet« arbeitet. Er findet sie zuhauf. Schließlich hören sich die Großkopferten sehr gerne reden.

Auszug: »Gebückt arbeiten zu können, zäh zu sein, ja, das waren die Anforderungen an die Menschen im Ruhrgebiet. Sogar war es erwünscht, besonders geistlose Menschen herbeizulocken, Menschen, die ihr Tun und Handeln nicht hinterfragen, also stundenlang im diffus Dunklen zu kauern und schwer arbeiten zu müssen für ein paar Moneten. Auf diesem, Verzeihung, ungebildeten Pack hockt nun das Ruhrgebiet.«

»Die Bilanz – eine kleine Abrechnung« ist eine von vier »Einfach Geschichten über das Ruhrgebiet. Mehr Infos dazu.

»Endlich tot«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 25 Minuten

Temperament: humorvoll, etwas zynisch und nur wenig polemisch

Literarische Besonderheiten: klassische Ich-Erzählung

Entstehungszeit: Mai 2014

Inhalt: »Das wahrscheinlich bedeutendste Museum Nordrhein-Westfalens: Der gleichermaßen erfahrene wie namenlose Kurator plant die Jahresausstellung: das Feuilleton, das ganz große, muss informiert, der VIP-Verteiler adäquat bedient und die Sponsoren hofiert werden. Während er arbeitet, erzählt uns der Kurator von seiner skurrilen Begegnung mit dem ausgestellten Künstler und davon, wie dieser den Lichthof an der viel befahrenen Bundesstraße derart zurichten konnte …«

Auszug: »Wer macht eigentlich die Ausstellungen, die oder ich? Wer ist denn hier der Kurator? So ne scheiß Bank vielleicht oder Evonik? Oder doch die RWE? Ruhrgas? Thyssen? Oder Krupp oder Thyssen-Krupp oder nicht vielleicht doch einfach nur ich? Wer sucht und findet sie denn, die neuen – meinetwegen halt Meister – holt sie aus der Gülle und wäscht sie dann rein für unsere White Cubes mit den mannigfachen Black Boxes darin, für unsere minimalistischen Geschmacksknospen, für die sichtachsengerechten Lichthöfe?«

Weitere Informationen zu »Endlich tot« in diesem Artikel.

»Die Töpferin und ihr Kunstwerk«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 18 Minuten

Temperament: liebevoll, mystisch

Literarische Besonderheiten: klassische Erzählung mit einem Hauch Mystik

Entstehungszeit: August 2008

Inhalt: »Eine Töpferin, näher der Kunst als dem Handwerk. In seiner Erscheinung anders als von der Töpferin beabsichtigt, kommt ihr neues Werk zur Welt. Aber es gefällt ihr außerordentlich, vielleicht auch deshalb, weil die Betrachter ganz anderer Meinung sind. Je mehr die Umwelt ihr neues Werk ablehnt, desto inniger wird die Beziehung zwischen Künstlerin und ihrem Objekt. Das Kunstwerk wird zum Ansprechpartner der Töpferin, wird zu ihrem Fetisch. In dieser Zeit lernt sie einen Marionettenbauer kennen. Sie verlieben sich. Doch der Marionettenbauer hat es neben dem Kunstwerk nicht leicht. Am Ende eine Theophanie …«

Auszug: »Das Kunstwerk erinnerte an einen morschen Baumstumpf, dann und wann, und dann und wann schien es sich zu verwandeln, in Windeseile und vor unseren Augen, in eine vielschichtige Leckerei aus Eis oder Nudelwerk. Es konnte dem Auge schmeicheln, wie zitronengelbe Blüten den Bienen, um sich dann, nur den Hauch einer Sekunde später, eher spröde und widerborstig ins Auge der Beobachter zu zwängen. Mal faszinierte es seinen Betrachter und hielt ihn in Bann, wie wir in die Augen eines geliebten Menschen bereitwillig zu fallen geneigt sind; mal hinwiederum, und dies mag nur schwer nachvollziehbar sein, mal stieß es den Betrachter regelrecht ab, als ob man blickte in die tief klaffende Wunde des eigenen Bauches.«

»Wissta wat? – Leckt mich ma am Arsch!«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 14 Minuten

Temperament: bissig

Literarische Besonderheiten: die Handlung tut sich langsam und nach und nach auf, teils parodistische Einschübe

Entstehungszeit: September 2014

Inhalt: Die glitzernde Metropole. Eine Lyrik-Lesung. Absolventen und gar Dozenten des Studiengangs »Kreatives Schreiben« veranstalten ein Feuerwerk der Langeweile – Leitlinien-Literatur. Es kommt zu Unstimmigkeiten. Einer trinkt zu viel Bier.

Die Liste wird fortgesetzt mit:

  • Auf dem Arbeitsamt
  • Endlich ist der Mensch und nicht ist die Gerechtigkeit
  • Der kleine, grüne Filzhut
  • Immer nur im Kreis
  • Oskar, Hermine und die kleine Gerda
  • Auf dem Postamt
  • Über Wahrheit und Lüge im literarischen Sinn
  • Über die Unmöglichkeit einer zukünftigen Geschichte

Wenn nicht extra vermerkt, so sind die Geschichten noch unveröffentlicht. Die Übersicht enthält nicht die Miniaturen und sonstigen Prosa-ähnlichen Stücke aus dem Werk des Autors, wie die Hörstücke »Der Sargbauer zu Fretter im Sauerland« sowie »Das Türenkonzert«.

 

Video: Ingo Munz liest die Erzählung »Der Killer von Montabaur«

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Prosa, Drama, Lyrik: Zeitgenössische Literatur und Lesungen. Die Seite über den Dichter und Schriftsteller Ingo Munz. Kostenlose und preiswerte Hörbücher, Hörspiele, Hörstück, Erzählungen, Romane, Gedichte, das besondere Geschenk.