Prosa

Anders als Alexander Puschkin, so Ingo Munz, habe er nicht den Eindruck, in die Prosa „hinabsteigen“ zu müssen. Er müsse nur häufiger umsteigen.

Literarisches Verständnis: Prosa

Alexander Puschkin glaubte, zur Prosa hinabsteigen zu müssen.

Alexander Puschkin glaubte, zur Prosa hinabsteigen zu müssen.

Hole er sich den klassischen Dichter vors Auge, dann sehe er ihn sitzen in fulminanten Buchten, unter üppigen Palmen, Champagner aus Kokosnussschalen schlürfend. Den Dramatiker hingegen erblicke er in einer riesigen Stadt, in einem Moloch, aus dem es schwitzt, rülpst und furzt, in dem es menschelt. Der Prosaiker, Ingo Munz hat mir oft erzählt, dass er dieses Wort zwar nicht leiden könne, dass ihm aber auch kein besseres einfalle, der Prosaiker müsse zu Hause sein in der einsamen Bucht gleichwie in dem Moloch. Er müsse sowohl Champagner als auch Bier etwas abgewinnen können, müsse in der Lage sein, Kommunion zu feiern mit burschikosen Stammtisch-brüdern, mit scheuen Nonnen, mit verschrobenen Sargbauern und feinfühligen Pianisten. Interessant, so Ingo Munz, werde es freilich, wenn es sich bei den Protagonisten innerhalb von Erzählwerken um beispielsweise burschikose Nonnen oder feinfühlige Stammtischbrüder handele. Die Herleitung solcher Charaktere sei schwierig und erfordere höchste Konzentration, weshalb der Prosaiker irgendwann freiwillig beginne, seine Geschichten bei Wasser und Kaffee niederzuschreiben. Allenfalls am späten Abend, wenn es darum gehe, sich Gedanken über den Fortgang des Erzählwerks zu machen, erst dann könne man ernst zu nehmende Prosaiker den einen oder anderen Whiskey trinken sehen.

 

Die Welt, wie wir sie potenziell in uns tragen

Einmal, es war einer jener Abende in einem überaus gemütlichen Gewölbekeller, der sich Inspiration aus dem Zwiegespräch und den Tiefen dünnwandiger Whiskeygläser erhoffte, gestand mir Ingo Munz, dass er Prosa insbesondere dann für gelungen erachte, wenn sie nicht mehr Realität und noch nicht Utopie sei. Indem sie sich mitsingen lasse, müsse sie überzeugen, von nur irgendetwas überzeugen, im besten Falle schaffe sie es, Spuren von Liebe zu hinterlassen. Damit sei leichter Hand auf den wahrscheinlich größten Vorteil der Prosa hingewiesen, denn zu Zeiten, da man das Gros der Leser jagen und vor allem verjagen könne mit – ganz allgemein formuliert – Verbesserungsvorschlägen, zu Zeiten, da ein zu Ende gelesener Wikipedia-Artikel für den Gipfel allen Wissens angesehen werde, gerade zu solchen Zeiten könne die Prosa aufgrund ihres langen Atems Überzeugungen zunächst besser verbergen und sie dann, sozusagen durch die Hintertüre, sanft und gewaltfrei einführen. Gedichte nehme heute ohnehin keiner mehr ernst, und auf dem Theater dürfe bestenfalls noch Nathan der Weise an die Bühnenrampe treten und so etwas wie Gesellschaftskritik üben, die allerdings spätestens an der Garderobe wieder vergessen sei.

Ingo Munz hat sein Verständnis von Literatur eingeteilt in drei Kapitel. Bitte lesen Sie neben diesem Verständnis von Prosa auch die Kapitel Lyrik und Drama.

Schau dir doch, sagte Ingo Munz, schau dir doch das zeitgenössische Drama an, was siehst du? Du siehst zynische, ironische und gleichgültige Menschen, die sich in den Abgründen menschlichen Daseins sudeln und die, um wenigstens ein paar Leutchen ins Theater zu locken, die sich in Blut- und Spermaorgien ergehen. Der Dramatiker, aber leider auch die meisten Prosaiker, hätten die Aufgabe der Ärzte übernommen und stellten nurmehr Diagnosen. Dabei gehe es doch darum, uns die Welt so vor Augen zu führen, wie wir sie potenziell in uns tragen – aber nicht sehen können, weil wir an unseren Gewohnheiten hängen und nicht anecken wollen.

 

Der Mut, die Wahrheit auszusprechen

Thomas Bernhard: Bislang hat noch kein Autor gewagt, die Wahrheit auszusprechen.

Thomas Bernhard: Bislang hat noch kein Autor gewagt, die Wahrheit auszusprechen.

Sehr erfreulich fand ich damals, als bereits einige Karaffen Wasser und einige Gläser schottischen Whiskeys getrunken waren, dass Ingo Munz die Prosa beschrieb als jene Gattung, die er bislang am wenigsten durchdrungen habe. Er kenne seine Schwächen. Sie begännen bei der Scheu, zugunsten der eigenen Reputation auf Wahrheiten zu verzichten. Er bekomme noch heute Gänsehaut, wenn er daran denke, wie Thomas Bernhard in einer seiner großartigen Tiraden keifte, er, Thomas Bernhard, habe noch keinen Autor gesehen, der mutig genug gewesen wäre, die Wahrheit auszusprechen. Dies habe ihn insofern beeindruckt, als Bernhard ohnehin und einmal mehr beängstigend offen über die Niedertracht der Menschen, insbesondere seine eigene, gesprochen hätte.

 

Die immer selben Erzählstrategien

Er müsse also forscher werden. Auch habe er Schwierigkeiten mit der speziellen Dramaturgie von Prosawerken, mit den klassischen Erzählstrategien, mit Dingen wie Spannungsbögen, inneren und äußeren Rahmenhandlungen, mit dem Aufbau von Fronten zur besseren Orientierung, wer denn gut und wer böse sei. Seine Hoffnung, der Leser benötige derlei moralische Stützen nicht, schwinde. Vielleicht weil er dem Vorsatz, der diesen Strategien wohl innewohnt, zu entkommen gedenke, vielleicht neige er deshalb dazu, jenen Erzählstrategien wenig Wert beizumessen.

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Freilich, so fuhr er damals fort, freilich habe er zu Beginn einer Erzählung ein Ziel vor Auge. Es kümmere ihn allerdings wenig, wie dieses Ziel erreicht werde. Ähnlich wie in Luigi Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor gingen ihm seine Protagonisten gerne einmal durch. Das verwirre nicht nur ihn persönlich, sondern sorge wohl auch allzu häufig beim Leser für Orientierungsprobleme. Er überlege deshalb, ob er sich und seine Protagonisten stärker an die Kandare nehmen müsse und ob er sich zum Wohle der Einheitlichkeit einer Erzählung diesen Strategien mehr öffnen solle. Schließlich finde er sehr wohl Gefallen an jenen Romanen und Erzählungen, die die Prinzipien des Spannungsaufbaus befolgten, auf genialische Art und Weise, und die dann in der Tat dazu führten, dass man ein Buch vor dem Ende nicht mehr zur Seite legen könnte. Ingo Munz nannte in diesem Zusammenhang das Beispiel Fahrenheit 451, von Ray Bradbury. Das Buch fange sehr gut an, gehe dann sehr gut weiter und vollführe zu guter Letzt einen fünfzigseitigen Höhepunkt. Fünfzig Seiten! Er wisse nicht, wie Derartiges funktioniere. Danach jedenfalls erzählte er mir von weiteren dramaturgischen Fabelwerken. Daniel Kehlmanns Romane oder Wenedikt Jerofejews Reise nach Petuschki seien solche Beispiele, seien allesamt Bücher, Bestseller, zu Recht Bestseller, die die Zeit in ein Flugzeug manövrierten und sie verfliegen ließen. Aber, Ingo Munz hob entschuldigend Arme und Hände, aber erinnern könne er sich kaum an sie. Worum es in diesen Büchern gegangen sei? Was das Anliegen des Autors gewesen wäre? Er wisse es nicht mehr! Würde man ihn nach seiner Meinung zu diesen Büchern fragen, er müsste sie weiterempfehlen, freilich, aber aus sich heraus käme er nicht auf die Idee, einem Freund eines jener Bücher ans Herz zu legen. Wie sollte das auch funktionieren? Er könne ja nicht einmal den Inhalt wiedergeben. Wie sollte er mithin entscheiden, ob es zu diesem oder jenem passe?

Ingo Munz: Ich liebe Geschichten – bitte aufklappen!

Ich liebe Geschichten! Ich liebe Geschichten mit einem Anfang und einem Ende, ein Ende, das ein Ausrufezeichen setzt. Das so beliebte offene Ende ist meine Sache nicht. Zur Meisterschaft, so bin ich überzeugt, hat es eine Geschichte dann geschafft, wenn sie zwar unmissverständlich klar macht: hier ist Schluss! sie aber dennoch mehrdeutig bleibt. Eine Mehrdeutigkeit, die sich freilich nicht allein auf das Ende bezieht, sondern vor allem die Motive und Handlungen der Protagonisten meint.

Zu meinen bevorzugten Stilmitteln gehört, auch in der kurzen Prosa, die Retardation, also die Verlangsamung, das Verzögern der literarischen Handlung. Bisweilen übertreibe ich gerne, um die Geschichten dort anzusiedeln, wo es am spannendsten ist: auf der Naht zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

Während der Erzählung sehe ich meine Hörer gerne schmunzeln. Ein gefälliges Lächeln nach Abschluss der Geschichte kann mir allerdings gestohlen bleiben. Ich kalkuliere also bereitwillig ein, kein uneingeschränktes Lob einzuheimsen. Ja, wer sich vor der Nachtruhe noch ein wenig amüsieren und sein Tun und Denken bestätigt wissen will, der wird mit meinen Geschichten nicht glücklich werden.

Freilich ist mein Ziel nicht per se, anderer Meinung als der Hörer zu sein, ihn zu irritieren oder gar zu provozieren, aber ich gestehe ein, dass ich eine Geschichte, die heute beklatscht, morgen aber bereits vergessen ist, für gescheitert, für schlecht und nicht der Rede wert halte!

Zum literarischen Verständnis des Ingo Munz

In Leo Tolstois Kreutzersonate passiere etwas mit einem, das über die Unterhaltung hinausgehe.

In Leo Tolstois Kreutzersonate passiere etwas mit einem, das über die Unterhaltung hinausgehe.

Ingo Munz machte jetzt einen leicht verwirrten Eindruck, was ganz gewiss nicht einzig nur an den genossenen Whiskeys lag. Leo Tolstois Kreutzersonate, stieß es unvermittelt aus ihm heraus, Herman Melvilles Bartleby der Schreiber, dies seien Werke, die etwas mit dem Leser anstellten, was über die reine Unterhaltung hinausgehe. Und da sei von Robert Musils Mann ohne Eigenschaften noch gar nicht gesprochen. Ja tatsächlich, sagte er, bis heute echoten diese Werke in ihm, mal in Form von besonders gelungenen Wendungen, mal aber auch ganze Gedankenstränge. Vielleicht habe er diese Bücher bis heute nicht verstanden, aber was soll`s, sagte er, sie machten etwas mit ihm, stellten seine Ansichten auf den Kopf, zerrissen sie, bauten sie bisweilen wieder zusammen und ergänzten oder komplettierten sie für den Moment, den süßen. Es reiche ihm einfach nicht, den Lesern die Zeit zu vertreiben, sie nur zu unterhalten. Er sei sich bewusst, dass wahrscheinlich genau dies die Zutat sei, die vielen unangenehm aufstoße, aber es gehe eben nicht anders. Irgendetwas müsse doch passieren, irgendetwas müsse ein Buch doch mit einem machen, sei es nur eine Frage, die aufgeworfen würde, vielleicht nur die, ob Anti-Atomkraft-Aufkleber am Heck eines Autos wirklich glaubhaft rüberkommen, wenigstens nur eine einzige Frage, sonst könne man doch den lieben und auch langen Tag über Kreuzworträtsel lösen oder Glücksrad schauen.

Zur kurzen, meinetwegen auch »kleinen Prosa« lesen Sie bitte den Artikel »Kurze Prosa und Musik«. Darin allerlei Theoretisches und eine Übersicht meiner Kurzgeschichten.

 

Ja natürlich gibt es Helden!

Damals, als wir nach einigen schönen Stunden des Zwiegesprächs aus dem Gewölbekeller empor ins Blau der Nacht stiegen, wurde mir klar, dass wir Puschkins Diktum vom „hinabsteigen“ in die Prosa getrost als Treppenwitz der Überlieferung ansehen dürfen. Ich nutzte jedenfalls die Gelegenheit und frug Ingo Munz, kurz bevor sich unsere Wege wieder trennten, nach seinen erzählenden Helden. Glühenden Auges sang er förmlich Namen wie Thomas Bernhard und Robert Musil, wie Diderot, Voltaire und Rousseau. Ich vernahm allerlei russische Dichter, hörte ihn mehr Flaubert als Balzac sagen und vernahm zu meiner Überraschung auch den Namen Thomas Mann. Und in der kurzen Prosa, sagte er nach einer kleinen Pause, in der kurzen Prosa müsse er immer wieder an Heinrich Böll denken, an Italo Calvino, Daniil Charms oder Luise Rinser.

Lovis Löwenthal, im Juli 2016

1 Kommentar

  1. „Das Drama der Menschen ist ja, dass sie durch Erziehung und Verbildung und vor allem durch Literatur auf Begriffe nicht nur fixiert, sondern an den Begriffen festgenagelt sind.

    Ein kleiner Video-Gruß…

    Alles Gute wünscht Andi

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