Ganz oben unterm Schnürboden I

Ganz oben unterm Schnürboden, von Ingo Munz, hier mit Lovis Löwenthal und Johann Wolfgang von Goethe

Ganz oben unterm Schnürboden, von Ingo Munz, hier mit Lovis Löwenthal und Johann Wolfgang von Goethe

 

Erster Aufzug

Zum Vergrößern der Skizze bitte klicken! Vom Schnürboden eines x-beliebigen deutschen Theaters baumeln Lovis Löwenthal und Ingo Munz herab. Sie sind an den Fußgelenken gefesselt, hängen also beide kopfüber wie Fledermäuse mit Blickrichtung Zuschauerraum.
  IM Mir platzt gleich der Schädel. Lange geht das nicht mehr gut.
  LL Nun stell dich mal nicht so an. Wir stehen am Anfang. Kein Drama fällt mit der Tür ins Haus!
IM Aber wir sind doch bereits am Ende! Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende.
LL Alles geht vielleicht zu Ende. Apropos: Es wird doch nicht etwa Beckett gegeben?
  IM Schön wär’s. Nein. Wahrscheinlich wird ein Junger Wilder, mit Bartstoppeln so weich wie die Plüschsessel unter uns, sein persönliches Feuerwerk abbrennen. Das heißt, er wird einen Klassiker in ein, zwei Stündchen um drei Viertel Text gestrichen haben und uns stattdessen mit seiner Lieblingsmusik nerven oder seinen Lieblingssequenzen aus Film und Fernsehen. Wenn du keinen Fernseher hast oder dem »Tatort« nichts abgewinnen kannst, dann hast du verloren, dann kannst du nach Hause gehen.
  Lovis Löwenthal geht unter allerlei Anstrengung ins Hohlkreuz und vermag somit tief in den Bühnenbauch zu blicken.
  LL Du könntest Recht haben. Das Bühnenbild besteht zur Hauptsache aus Fernsehern und Monitoren.
  IM Da siehst du’s. Dabei ist das Spannende am Theater die Tatsache, dass es nicht ohne Menschen auskommt. Wozu braucht es Fernseher? Können die etwa spucken und schwitzen und rot anlaufen?
  LL Nein.
  IM Gut, dass du das einsiehst. Aber du fragst, was gegeben wird. Eines steht fest: Es wird ein paar Mal das Licht an- und wieder ausgehen.
  LL Woher willst du das wissen?
  IM Weil’s das ist, was unseren Starregisseuren zum Thema Szenenwechsel einfällt, seit Jahren. Und am Ende, Lovis, am Ende gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es regnet Rosen vom Himmel und man singt das Loblied auf die zweieinige Liebe oder aber es wird furchterregend gewaltig. Dann schießt man jemandem die Nase aus dem Gesicht oder man tritt jemandes Hirn aus dem Kopf, während er in die Kante eines Schweinetrogs beißen muss, oder aber man fickt ihn einfach nur in den Arsch, bis er grün anläuft.
  LL Ingo, du vergisst das Psycho-Drama, das feinfühlig ausgearbeitete Melodram.
IM Stimmt, die Tennessee Williams-Problematik. Das Nachzeichnen eines verkorksten Lebens, weil der Vater handgreiflich wurde oder Trinker war oder Seelenkrüppel oder alles zusammen. Die Tennessee Williams unserer Zeit sensibilisieren auf Schicksalsschläge wie die Alzheimer-Krankheit oder wirken pädagogisch auf uns ein, indem sie mehrheitsfähige Ansichten aufgreifen und uns erklären, warum es besser ist, sich im trauten Heime mit nervenden Kindern und einer nörgelnden Ollen herumzuärgern als beispielsweise Fernsehstar zu sein.
Zum Vergrößern der Skizze bitte klicken!

Das wartende Publikum verstummt, der Vorhang geht auf, die Fernseher an, ein Nackter deklamiert:
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
  LL Der Faust, einmal mehr.
  IM Des Deutschen liebstes Kind, über Jahrzehnte hinweg in den Götterstand kanonisiert und konsensfähig, weil banal bis zur Perfektion.
  LL Das ist Blasphemie!
  IM So sage mir, worum es geht!
  LL Nun, ein Gelehrter, nicht ganz taufrisch mehr an Jahren,
Stellt endlich fest, dass vergeblich seine Studien waren.
Voll Neid blickt er auf seiner Schüler Jugend,
Pfeift irgendwann auf alle Tugend
Und lässt sich auf den Teufel ein,
Weil will noch mal ins Fötzchen rein.
Oder machen sie sich etwa nicht lächerlich? IM Sehr schön gesagt! Aber ist das wirklich eine große Geschichte? Dass die Wissenschaften nicht Antwort liefern auf die wirklich wichtigen Fragen, weiß noch der dümmste Student vor Ablauf seines Grundstudiums. Und dass es insbesondere die erfolgreichen und sehr ehrgeizigen Männer in den gehobenen Jahren noch einmal wissen wollen, weiß gleichfalls jeder, wie natürlich auch, dass sie sich dabei lächerlich machen.
  Man lauscht den Versen:
Besonders aber laßt genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
  LL Jetzt weißt du, warum hier so viele Fernseher stehen.
IM Wer Binsenweisheiten in Knittelverse pfercht, der muss so denken. Bei Kleist bräuchtest du gar nichts. Da kannst du die Augen schließen und deine Ohren träumen lassen. Goethe würde doch verzweifeln, müsst‘ er das Wort Penthesilea in einen hehren Jambus packen.
  LL Was hast du gegen Knittelverse? Warst nicht du es, der ein abendfüllendes Theaterstück in Knitteln schrieb?
Zum Artikel

IM Mach nicht denselben Fehler wie der große Kritiker der ZEIT!
Zum Artikel LL Du sprichst von dem Herrn, der deinen »Teufel im Erdenloch« verrissen hat?
  IM Ich spreche von dem Herrn, der wohl keine Knittelverse mag und wohl auch nicht weiß, dass es sich da unten bei dem leeren Geseier fast ausschließlich um Knittelverse handelt.
  Man lauscht den Versen:
  O glücklich, wer noch hoffen kann
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
  LL Du bist ihm doch nicht böse?
  IM Iwo! Ihm scheint der Unterschied zwischen Volksstück und Komödie nicht geläufig. Soll ich’s ihm verübeln? Und davon abgesehen: »Der Teufel im Erdenloch« hat es in die Schlagzeilen geschafft, ehe er aufgeführt wurde. Welches Stück kann das von sich behaupten?
  LL Aber es wird bis heute nicht aufgeführt!
  IM Das ist nicht die Schuld des ZEIT-Kritikers, so wichtig wird er nicht sein.
  LL Woran liegt’s dann?
IM Ich glaube, es liegt an den Versen, vor allem an den Reimen. Reime sind out, out, out! Der Zeitgeist empfindet sie als banal, als nicht würdig und edel genug. Besonders während der Schockstarre nach dem Krieg, als das Talent und der große Wille zur Grausamkeit noch frisch im Bewusstsein lagen, flüchteten die I-Punkt-Bachmanns, die H-Punkt-Müllers oder die P-Punkt-Celans in die Unzugänglichkeit, in die Introspektion, ins Enigmatische und erachteten die Literatur, im Besonderen die Poesie, einzig als geschichtliches Aufbereitungswerkzeug, als moralisches Instrumentarium, um allen zu zeigen, was nicht geht und was nicht sein darf. Das war todernst, vor allem für den Knittelvers. Wer gelten wollte, durfte nicht lachen. Einzig Goethe darf knitteln, ohne dabei als Depp zu gelten. Und der Mensch, Lovis, der Mensch in seiner Art, das zu sagen, das zu fühlen und das zu denken, was alle sagen, fühlen und denken, der Mensch hat nicht den Mumm, Goethe zu kritisieren, diesen Frankfurter Vorstadtdackel, wie Thomas Bernhard so schön sagt.
  LL Vielleicht sind Goethes Knittelverse einfach besser als deine?
  IM Das sind sie nicht! Meine sind so gut wie die von Goethe und Goethes so gut wie die von Heinz Erhard…
  LL Das Reh springt hoch, das Reh springt weit.
Warum auch nicht – es hat ja Zeit!
IM So sieht es aus! Dabei passte der Knittel hervorragend in unsere Zeit. In die Zeit der Unverbindlichkeit, der Pseudo-Autarkie, des individual- und gesamtgesellschaftlichen Burn Outs. Der Knittel lässt den Leser entweder laut lachen oder aber er wiegt ihn in Sicherheit, was ihn zu einem hervorragenden Werkzeug macht, um unangenehme Wahrheiten dezent zu verpacken. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass die große Liebesszene auf Wolken, das heißt in Jamben daherkommen muss. Und wenn der Held das Horn zum Kampfe bläst, dann hat seiner Worte Metrum trochäisch zu sein. So einfach ist das!
  LL Das klingt jetzt aber sehr schulmeisterlich, fast konservativ.
  IM Das ist mir egal! Mir hängen die zeitgenössischen Stücke zum Halse heraus. Die klingen alle wie aus einem Facebook-Chat kopiert. Ich verlange ein Versmaß, allein, um den Autor ein wenig zu beschäftigen, damit er ein bisschen nachdenkt und seine Stücke nicht herunterschreibt, wie man Telefonbücher herunterschreibt. Es scheint, als habe man das Schöne, die Verse, ins Opernhaus verbannt, wo sie allerdings oft schwülstig und pathetisch bis zum Erbrechen daherkommen. Ich liebe nur den ganz starken Pathos, jenen tränenlosen Pathos, der allem Manierierten den Garaus macht.
  Man lauscht den Versen:
Verweile doch! du bist so schön! Werd‘ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!
  LL Das war doch jetzt ganz nett.
  IM Ja, ganz nett. Aber warte nur auf die Hexenküche oder Auerbachs Keller! Du wirst schon sehen, was man uns vorsetzen wird und warum ich Ästhetik vermisse und die Abgrenzung zu den vulgären Massenmedien. Ich wette, Lovis, man wird die so genannt einfachen Leute mal wieder bloßstellen. Das macht er nämlich gerne, der Theatermensch, obwohl er ja meist gar nicht weiß, wie der so genannt einfache Mann tickt, weil der gemeine Theatermensch beim Edel-Italiener zu speisen pflegt. Nachher, Lovis, glaub es mir, nachher wird der kleine Mann entweder veralbert oder aber es wird vulgär, spermalastig und fernseherig. Das Theater biedert sich dem Fernsehen ja immer mehr an. Und ich sag dir eins: Das Theater wird der technologischen Evolution zum Opfer fallen, wenn es den Stil des ehedem kleinen Bruders Fernsehen und den des Internets nurmehr noch imitiert.
  LL Hört, hört! Aristoteles, Lessing, Brecht – alle bereits stimmten den Abgesang des Theaters ein. Noch immer aber lebt es! Es ist zäh wie tausend Katzen und findet nach wie vor glühende Verehrer.
IM Es atmet, vielmehr röchelt noch, weil es subventioniert wird und weil es dauert, bis Image bröckelt. Das Image nämlich, Theater verhandele hehre, intellektuelle Themen, die von hehren Künstlern, namentlich hehren Schauspielern zur Aufführung gebracht würden. Die Schauspieler aber sind doch gar nicht mehr in der Lage, sich vernünftig auf eine Rolle vorzubereiten. Ja, das sind doch arme Schweine – am Samstag Premiere, danach Saufen, Kiffen und Koksen und spätestens am Montag muss eine neue Rolle einstudiert werden. Zwischendurch dürfen sie als Johnny Cash oder Elvis Presley trällern oder als Nico von Velvet Underground oder als Dreifachbesetzung alle zusammen oder hintereinander oder noch besser: gleichzeitig!
  LL Du vergisst die Publikumsgespräche an den freien Tagen.
  IM Stimmt! Nähe zeigen zum Publikum…
  LL …zu nervenden Schülern und ihren engagierten Lehrern. Und, nicht zu vergessen: zu den Volkshochschulgruppen und den Theater-Freundeskreisen – alles ganz freiwillig – versteht sich.
IM Selbstverständlich! Aber so ist das. Das liebe Geld, die Ökonomisierung des Ganzen, des Alles, hat selbst das Theater erreicht, das subventionierte. Intendanten sind ja fast allerorten nur noch BWL-Experten, obwohl ihnen fast immer kaufmännische Direktoren zur Seite gestellt werden, diese meist feisten Nichtstuer. Mit denen dürfen sich die Intendanten herumplagen, fast ärger noch herumplagen als mit den eigentlichen Chefs des deutschen Schauspiels, den Kulturdezenten der Stadtparlamente, diesen wahren Experten der ganz großen Bühne, diesen Hünen der Kunst. Ich kannte mal einen in Oberhausen, weißt du, was der auf die Frage „Kennen Sie Ibsen?“ geantwortet hat?
  LL Nein!
  IM Nein.
  LL Nein, ich weiß es nicht!
Johannes Lepper: Als Künstler am Schauspieltheater vom Aussterben bedroht. IM Nein, nein hat er gesagt, und dann: aber wir können‘s ja mal probieren. Damals hat in Oberhausen der Johannes Lepper ein großartiges Theater fabriziert. Der ist ein Künstler und kein BWLer. Der hat seine Frau, die die Penthesilea gab, in Lackstiefeln die Bühne auf und ab gehen lassen. Minutenlang. Dazu die Klänge eines sizilianischen Trauergesangs. Dann und wann das bedrohliche Bellen und Heulen der Hunde. Und die geht immer noch auf und ab, Sabine Wegmann heißt sie übrigens. Und wie sie da geht: sie schleicht, sie schlängelt, sie pirscht, von links nach rechts. Dann der Nebel und das Licht und der Trauergesang und das Gebell und ich sitz im Theater und krieg eine Gänsehaut. Minutenlang. Eine, die unter den Fußnägeln beginnt und erst ganz oben endet, in der allerletzten Haarspitze. Oder der Marek Jera, der ein Physiker war, Dürrenmatt, du weißt schon, den hat er eine fast mannshohe Weltenkugel aus Pappmaschee schultern lassen. Aber die war natürlich ganz leicht. Und das sah wahnsinnig aus, wie der Marek Jera die Erde schultert und sie eine Notfalltreppe hinauf balanciert. Und wieder Musik, ich glaube Tom Waits, und wieder Gänsehaut. Minutenlang. Oder das aufgetaute Suppenhuhn, das vom SS-Mann minutenlang missbraucht und vergewaltigt wird, bis dass die abgerissenen Schenkel im Publikum landen. Oberhausen, Lovis, das alles spielte sich ab in Oberhausen, hörst du, nicht in Berlin, nicht in München und auch nicht in Frankfurt. Gänsehaut hab ich in Oberhausen bekommen, bei dem Johannes Lepper. Und der mit dem Ibsen, dieser nicht einmal halbgebildete Polit-Karrierist, genau weiß ich das zwar nicht, aber der war bestimmt ordentlich daran beteiligt, dass der Lepper gehen musste. Das muss man sich mal reinziehn! Der Politiker erklärt dem Künstler die Kunst, und die Ökonomisierung des Alles greift um sich, selbst am Theater! Das ist doch zum Kotzen!
  Umutsäußerungen im Publikum, verärgerte Blicke hinauf zum Schnürboden. Man bittet um Ruhe. Mephisto:
Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldner Baum.
  LL Da hat er Recht, der Goethe! Aber was ich nicht verstehe: Du sprichst nicht gerade in hohen Tönen über die Bühne. Warum schreibst du überhaupt Theaterstücke? Warum wählst du für ein Thema das Drama als Form?
Ja was ist denn nun Literatur? IM Darüber hat schon Sartre noch und nöcher geschrieben. Grau, teurer Freund, ist alle Theorie. In der Praxis läuft es so: Du hast ein Thema, du überlegst, beginnst zu schreiben und dann fällt aus dem Himmel die Form, ein Gedicht vielleicht, vielleicht nur ein Paarreim, vielleicht eine Novelle, womöglich gar ein Roman und wenn du Pech hast, ein Drama. Mehr ist da nicht!
  LL Wenn du Pech hast? Ich frage mich, wenn das Theater so langweilig und durchschaubar ist, warum du andauernd hier abhängst?
IM Der Glaube, Lovis, die Liebe, Lovis, die Hoffnung! Der Glaube nämlich, dass das Theater, trotz seines stolzen Alters, noch längst nicht erwachsen und wahrhaft reif geworden ist. Natürlich kennen wir bereits allerhand, allerhand Schlechtes, aber auch viel Gutes. Denk nur an die Geschichtsaufbereitung à la Tabori und Frisch, an die Absurdität à la Ionesco und Beckett, an die seelischen Reinigungsmaschinerien der Griechen und Shakespeares, an die ganz große Unterhaltung à la Zuckmayer und Moliere, denke ans Masochistentheater der Handkes und Schwabs, an das politische Theater um Brecht und Gorki oder an Erich Mühsams Revolutionstheater! Und trotzdem, Lovis, trotzdem glaube ich, dass da noch Luft nach oben ist, dass viele Möglichkeiten sogar verschenkt werden. Allein der Monolog, mein Gott, was für Möglichkeiten! Ein Bär von einem Mann tritt an die Bühnenrampe, atmet ein und atmet aus und lässt sich Zeit, viel Zeit, eine Zeit, die das Fernsehen sich nicht nehmen darf, er atmet noch einmal ein und wieder aus und sein weißes Hemd scheint dem mächtigen Brustkorb nicht mehr gewachsen und er blickt nach links und er blickt nach rechts und bedrohlich ins Publikum und hebt dann an: Wer von Menschen repräsentiert wird, die sich über die Tötung eines anderen Menschen in aller Öffentlichkeit freuen, dem sollte es verboten werden, das Wort Fortschritt in den Mund zu nehmen! Also nur so zum Beispiel.
  LL Oder ein anmutig Wesen, kaum achtzehn Jahre alt und die Haut zart und rein, sinkt gedankenverloren nieder und wispert mit tränenersticktem Stimmchen ins gerührte Publikum: Was soll ich machen? Mein Herz, es ist so groß, so unglaublich groß, dass entsetzlich viele Platz darin finden.
Anmerkung des Autors:

Sie halten nebenstehende Ausführungen für übertrieben? Seien Sie gewiss: Ich kenne keinen „Theaterschaffenden“, der nicht gerne seine Stirn in Falten legte, der seine Augen dabei nicht bereitwillig unnatürlich weit aufrisse und irgendetwas zwar kehllautig, aber doch bedeutsam aus sich hinaus stieße, in der Art von: Mich interessieren die menschlichen Abgründe. Ja, ich kenne keinen „Theaterschaffenden“, der sich nach diesem Bonmot nicht gerierte wie einer, der glaubt, etwas tatsächlich Einzigartiges preisgegeben zu haben. Dass dem ganz gewiss nicht so ist, beweist eine einfache Google-Suche „Theater Regisseur Abgründe“. Man kommt auf abgründige 137.000 Treffer, Stand 27.11.2011. Allein die ersten beiden Trefferseiten untermauern den einzigartigen Gedankenkosmos unserer einzigartigen Theaterregisseure:

So konstatiert der Schweizer Erfolgsdramatiker Lukas Bärfuss ganz einfach nur: »Mich interessieren menschliche Abgründe.« Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó »tut Abgründe auf«, während der Heldentenor Ronald Pries mit seinem Theater »einen Blick in die Abgründe der menschlichen Seele werfen will«. 2005 erhielt Harold Pinter den Nobelpreis für Literatur. In der Begründung des Nobelkomitees heißt es, er habe »in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freigelegt«. »Den ewigen deutschen Kleinbürger in seinen tiefen Abgründen« sucht der große Frank Castorf. Dagegen drückt sich Réne Pollesch selbstverständlich etwas subtiler aus und erzählt uns von seinen »romantischen Abgründen moderner Subjektkonstitution.« Das Vielseitigkeitswunder Lutz Hübner hinwiederum interssiert sich für »lebensnahe Figuren, die den Abgründen des Alltäglichen ausgeliefert sind.« Und selbst Katherina Thalbach, Inhaberin der größten Kulleraugen auf Deutschlands Bühnen, selbst die Thalbach gesteht, dass sie »so gern Menschen mit Abgründen spielt.«

Man könnte die Liste fast beliebig lange fortführen. Ist das nicht witzig, komisch, vielleicht tragikomisch? Verstehen Sie, warum ich mich totlachen könnte, wenn im Zusammenhang mit unseren Theatern das große Wort „Avantgarde“ fällt? Und dabei habe ich noch nicht berücksichtigt, dass mich die menschlichen Abgründe nun überhaupt nicht interessieren. Ja, ich kann stundenlang in die Introspektion gehen und suchen, aber ich finde einfach keine Abgründe! Bin ich langweilig? Und sagen Sie mir bitteschön nicht, die Alternative zu den zigtausend Stücken, die die Abgründe der menschlichen Seele aufzeigen, sei seichtes Boulevard-Theater!

Ingo Munz, am 30.11.2011

IM So sieht es aus! Ich glaube nicht, Lovis, dass auch nur eine einzige künstlerische Darstellungsform für größere Aufmerksamkeit sorgen kann. Hier liegen vor uns, Lovis, Berge an Potenzial. Ich glaube fest daran. Nur leider leben wir in einer Welt, die glaubt, bereits alles zu kennen und die glaubt, alles wiederhole sich nur noch. Insbesondere am Theater, Lovis, insbesondere am Theater stolziert eine Heerschar an Akademikern herum, Germanisten, Soziologen, Theaterwissenschaftler, allesamt postmodernes Pack, die können dir auf alles eine Antwort geben, auf alles! Das können sie so prima, weil sie keine Fragen haben, Lovis, und keine Überzeugungen, außer der, dass es nichts gibt, wovon man wirklich überzeugt sein könnte. Mit ihrem Nihilismus können sie alles zerstören, deshalb tragen sie ihre Nase so hoch. Sie halten sich für Künstler, weil sie in schönen, barocken Plüschtheatern hocken und gelernt haben, mit Messer und Gabel zu essen. Aber im Gros dieser Leute hausen in Wirklichkeit profane Beamten- und Strebercharaktere, Lovis, hörst du, denn sonst könnten sie es nicht ertragen, sich von jedem dahergelaufenen Kulturdezernenten, von den Pfeifen aus dem Kultursponsoring der Großindustrie und auch nicht, Lovis, vom meistenteils komplett verblödeten Publikum vorschreiben zu lassen, was auf der Bühne laufen darf und was nicht. Im Theater, Lovis, im Theater kannst du vieles sehen; was du dort aber ganz gewiss nicht antreffen wirst, sind Künstler. Das ist wie mit Journalisten und Schriftstellern. Entweder oder. Du kannst nicht beides gleichzeitig sein, willst du am Morgen, ohne das große Kotzen zu bekommen, in den Spiegel schauen können. Man kämpft an unterschiedlichen Fronten, verstehst du? Die meisten Dramaturgen und Regisseure, Lovis, sind revolutionär wie Felsbrocken und kreativ wie graue Altpapiercontainer, die man grau angestrichen hat. Dieses postmoderne Pack, Lovis, lebt ohne Überzeugungen, was im Übrigen dazu führt, dass man irgendwann unzufrieden wird und entweder anfängt zu Saufen oder aber sich ergehen muss in Gewaltfantasien. Am Theater, Lovis, am Theater findest du Menschen zuhauf, die lallen dir ins Gesicht, dass sie sich für die Abgründe der Menschen interessieren. Himmel, diese fulminanten Querdenker interessieren sich also besonders für sich selbst! Gleich, Lovis, in der Pause, da kannst du sie beobachten, die abgründigen Fantasien und die unglaublich stylischen Klamotten, die die fulminanten Querdenker in die Nähe des revolutionären Arbeiterführers rücken sollen und die ein Schweinegeld gekostet haben. Sie sind Vorreiter in Sachen Mode, Lovis, doch den gesellschaftspolitischen Trends und Themen laufen sie hinterher. Ja, sie sind die Meister der Devantgarde, diese Marionetten der Herrschenden.
Die roten Socken des Ingo Munz LL Du Rote Socke! Glaubst du wirklich, dass am Theater nur Vollpfosten arbeiten?
  IM Nicht ausschließlich, ich nannte ja bereits Ausnahmen, aber viele, viel zu viele Vollpfosten und Anti-Künstler, Opportunisten, Karrieristen, Lügner, viel zu viel skrupellos Tüchtige!
  LL Harte, ungewohnt harte Worte, Ingo! Wo bleibt da Platz für die Liebe und für die Hoffnung?
Dramaturgisches Nichts! IM Die Liebe, Lovis, die bleibt! Was bleibt ihr auch anderes übrig? Es geht ja ums Potenzial und um das ganze Drumherum. Ich kann das Theater einfach nicht nicht lieben, denn ich liebe den Plüsch der Theater, den an den Wänden, den auf den Sesseln und den an den Balustraden der Ränge. Ich liebe die geschwungenen Lämpchen oberhalb der Waschzettel, Art-Deco meist, mit jenen Birnen, die noch ordentliches, richtig sattes Gelb aussenden. Ich liebe den mottigen Mief, der aus den Requisiten strömt und auch den süßholzigen Duft der Schreinerei. Ich liebe das herzblutige Können vieler Schauspieler und, Lovis, die Teppichtreppenstangen.
  LL Die Teppichtreppenstangen?
  IM Ja, die goldenen Teppichtreppenstangen, die so unprätentiös ihre Arbeit verrichten in den kantigen Nischen und Ecken der hemmungslos weiten Treppenhäuser.
  LL Jetzt spinnst du aber!
  IM Ja Lovis, die liebe ich und auch die labyrinthischen Gänge in den Eingeweiden der großen Theater, die uns führen von Probebühne zu Probebühne, von der vergessenen Requisite hin zur Kulisse aus weiß der Teufel welchem Stück. Ich liebe die Pausen, Lovis, wenn nichts passiert, obwohl kein Vorhang fiel und die Schauspieler noch immer auf der Bühne weilen, wenn also alles still steht und sich für Sekunden und Minuten nichts mehr bewegt, keine Miene sich verzieht und die ersten Zuschauer überlegen, ob sie das Haus verlassen sollen. Ja, ich liebe die Herrschaften, die jede Gelegenheit nutzen, um unter der Aufmerksamkeit aller eine Vorstellung aufgesetzt erregt zu verlassen, weil womöglich ein blutjunges Mädchen seine festen Titten entblößt hat oder eine beckett’sche Ratte gegen die Wand geklatscht wurde. Ich liebe ganz generell die Union zwischen Akteuren und Publikum und den Kitzel, jederzeit eingreifen zu können, wenn man nur wollte – wo gibt es das sonst noch? Die Party sprengen zu können, jederzeit, allein durch Zwischenruf. Ich liebe den Schweiß und die Spucke der Schauspieler, das Schnaufen und das Flattern der Lungen meines Sitznachbarn, Lovis, live, alles live. Ja, ich liebe das Theater und kann es nicht nicht lieben.
  Auf der Bühne geschehen fellatiöse Dinge zwischen dem Schüler und Mephisto. Bereits geht das Licht an, die Türen zum Foyer werden geöffnet. Dass Pause ist, merkt das Publikum erst allmählich. IM jedoch redet ungerührt weiter auf LL ein:
IM Und ich habe Hoffnung, Lovis, große Hoffnung, dass sich das Theater wieder emanzipiert von dem Geldsäckel der Städte und dem Geldsäckel der Wirtschaft und dem Geldsäckel des Publikums und dass es wieder politisch wird und eine eigene Meinung entwickelt und dass es sich nicht länger abarbeitet an Pseudo-Themen wie Alzheimer oder dem Zwiespalt des Medienruhms. Ja, Lovis, ich habe Hoffnung, dass die akademischen Eierköpfe am Theater beginnen, ihr obiges Stüberl vom postmodernen Ballast des Botho Strauß, der Luhmanns und Foucaults zu befreien und tatsächlich beginnen, eigene Gedanken zu entwickeln.
  LL Es scheint Pause zu sein. Sag mir noch eben, warum es so viel Pech bedeutet, ein Drama zu schreiben.
  IM Weil es so schwierig ist! Man könnte glauben, so ein Stück sei schnell geschrieben. Man müsse den Leuten einfach aufs Maul schauen und sie zu Wort kommen lassen. Das ist im Prinzip auch richtig. Aber diesen Leuten über die Sprache verschiedene Charaktere zu verpassen, darin liegt die Schwierigkeit! In der Prosa habe ich nicht nur die Möglichkeit, das Aussehen der Protagonisten ausführlich zu beschreiben; ich kann darüber hinaus gar deren Gedanken sprechen lassen und kann in der Zeit vor und zurück gehen, um meinen Protagonisten ins rechte Licht zu rücken. Hier unten aber, auf dem Theater, zählt fast ausschließlich das, was aus dem Munde purzelt. Ist der Protagonist ein Typ, der beispielsweise sagt, dass ist mir wurscht oder sagt er: es ist mir egal oder ist er vielleicht ein recht vornehmer Typ und spricht uns gar von seiner Indolenz? Den richtigen Ton treffen, und zwar unterschiedliche Töne, darum geht’s, das ist die Schwierigkeit. Nimm dieses Stück: es ist ja gar keines! Es ist Prosa mit Zwischenrufen. Kein Schauspieler könnte diese Sätze memorieren. Der Inhalt wurde zwanghaft in ein Stück gepresst. Warum? wo doch nichts geschieht und keiner agiert. Nur ich spreche. Und du? Schau dich mal an! Du bist reiner Stichwortgeber, bist manchmal Fragesteller, mehr aber doch nicht. Dir fehlt einiges, um interessante Figur in einem Stück zu sein. Dir fehlen ganz einfach Konturen!
  LL Mit ist die Rolle des schweigenden Weisen zuerdacht. Damit kann gut ich leben und das Stück auch. Im zweiten Aufzug werde ich mich häufiger zu Wort melden.
  IM Langsam, Lovis! Wir haben viel weniger Einfluss auf das, was passiert, als du denkst. Wir werden sehen, ob noch etwas geschieht. Lassen wir uns überraschen.
  Ende erster Aufzug.

Weiter zum zweiten Aufzug.

Diese Seite benutzt Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmen Sie dem zu. Datenschutzerklärung