In der Niederlage liegt eine Würde, die dem Sieg kaum zusteht – Geschichten aus Ruhrgebiet

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In der Niederlage liegt eine Würde, die dem Sieg kaum zusteht – Geschichten aus Ruhrgebiet

Nein, von Zechen und Kohle, von Fußball und Pommes-Schranke handeln die Geschichten über das Ruhrgebiet nicht.

Zu hören ist keine weitere Bemühung, die das Klischee vom ach so ehrlichen, aber leider auch saudummen „Ruhri“ zu durchbrechen erhofft, die es durch ein romantisch-verklärtes Denken allerdings nur immerfort bestätigt.

Mal frech und ironisch, mal klug und polemisch kommen zu Wort Proleten und Professoren, Zugewanderte und Alteingesessene. Die Geschichten erzählen, nicht mehr und nicht weniger, die Wahrheit über das Ruhrgebiet.

 

»In der Niederlage liegt eine Würde, die dem Sieg kaum zusteht – Geschichten aus Ruhrgebiet« wird Ende August 2017 erscheinen. Vorbestellungen bitte per E-Mail an verlag@ingomunz.com.

 

Erzählt wird von den großen Heroen der „Ruhrgebietskunst“, die ihr Publikum verwöhnen mit einem Niveau, »das so hoch ist wie die Berge des Wattenmeers«. Erzählt wird von Essen im Jahr 2017, der Grünen Hauptstadt, die man mit Blick in die Grundschulen eher Schimmelhauptstadt nennen sollte. Erzählt wird davon, wie im Vorfeld der Kulturhauptstadt 2010 zufällig alle »am Bahnsteig stehn tun«. Erzählt wird von jenen (kultur-) politischen Entscheidungsträgern, die einem durchaus unappetitlichen Heimatkult frönen und mit megalomanischen Projekten und Themenvorgaben die auf Dauer ermüdende Identitätssuche des Ruhrgebiets gleichsam anheizen wie aufrechterhalten. Und immer wieder geht es um jene hegemoniale Regionalzeitung, die im Ruhrgebiet alle lesen, weil es ja nur diese eine gibt. Schließlich erzählt ein Großvater seinem Enkel von der Zeit, als es Oberhausen noch gegeben hat.

 

Neben den »Einfach Geschichten über das Ruhrgebiet« entstanden und entstehen eine ganze Reihe weiterer Kurzgeschichten. Aus Gründen der Erhabenheit spreche ich allerdings lieber von »kurzer Prosa«. Eine Übersicht finden Sie hier.

 

Die Geschichten sind ganz gewiss keine Hommage an das Ruhrgebiet, manch einer wird an mancher Stelle die Faust in der Tasche ballen; vielleicht aber findet der ein oder andere Leser seinen Spaß an der sicherlich nicht leichten Aufgabe, jene Beweggründe ausfindig zu machen, die mich seit über zwanzig Jahren ans Ruhrgebiet fesseln.

Ingo Munz: Ich liebe Geschichten – bitte aufklappen!

Ich liebe Geschichten! Ich liebe Geschichten mit einem Anfang und einem Ende, ein Ende, das ein Ausrufezeichen setzt. Das so beliebte offene Ende ist meine Sache nicht. Zur Meisterschaft, so bin ich überzeugt, hat es eine Geschichte dann geschafft, wenn sie zwar unmissverständlich klar macht: hier ist Schluss! sie aber dennoch mehrdeutig bleibt. Eine Mehrdeutigkeit, die sich freilich nicht allein auf das Ende bezieht, sondern vor allem die Motive und Handlungen der Protagonisten meint.

Zu meinen bevorzugten Stilmitteln gehört, auch in der kurzen Prosa, die Retardation, also die Verlangsamung, das Verzögern der literarischen Handlung. Bisweilen übertreibe ich gerne, um die Geschichten dort anzusiedeln, wo es am spannendsten ist: auf der Naht zwischen Wirklichkeit und Fiktion.

Während der Erzählung sehe ich meine Hörer gerne schmunzeln. Ein gefälliges Lächeln nach Abschluss der Geschichte kann mir allerdings gestohlen bleiben. Ich kalkuliere also bereitwillig ein, kein uneingeschränktes Lob einzuheimsen. Ja, wer sich vor der Nachtruhe noch ein wenig amüsieren und sein Tun und Denken bestätigt wissen will, der wird mit meinen Geschichten nicht glücklich werden.

Freilich ist mein Ziel nicht per se, anderer Meinung als der Hörer zu sein, ihn zu irritieren oder gar zu provozieren, aber ich gestehe ein, dass ich eine Geschichte, die heute beklatscht, morgen aber bereits vergessen ist, für gescheitert, für schlecht und nicht der Rede wert halte!

Zum literarischen Verständnis des Ingo Munz


Der Entwurf für das Hörbuch zu den »Einfach Geschichten über das Ruhrgebiet«, von Stefan Michaelsen. Gewiss wird man daraus auch ein Buch-Cover machen können.

Der Entwurf für das Hörbuch zu den »Einfach Geschichten über das Ruhrgebiet«, von Stefan Michaelsen. Gewiss wird man daraus auch ein Buch-Cover machen können.

 

Und so ist denn also jede Vorstellung die beste, die sie jemals gesehen haben. Was tatsächlich auch stimmt, denn sie haben noch keine andere gesehen. Sie kennen nicht die Bühnen Berlins, nicht die Bühnen Münchens und sie kennen noch nicht einmal die Bühnen der Nachbarstadt, da der Ruhri, in seiner weltmännischen Art, die Fahrt in die Nachbarstadt für eine Weltreise hält. Auch kennt er keine Subkultur, denn die gibt es nicht im Ruhrgebiet. Das ist die Wahrheit. Jeder, der ein Bein zum Tanzen hat, einen Mund zum Gesang, eine Hand zum Malen oder zum Spiel der Gitarre, sucht fluchtartig das Weite und zieht, das ist die Wahrheit, nicht nur nach Hamburg oder Berlin, sondern mittlerweile sogar nach Köln, Hannover, Zwickau oder Schonach im Schwarzwald.

Aus: Wahrheit Roemisch Eins

 

Die Geschichten im Einzelnen

»Die Bilanz – eine kleine Abrechnung«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 13 Minuten (Hörspiel-Fassung dauert 13:10)

Temperament: humorvoll, etwas zynisch und nur wenig polemisch

Literarische Besonderheiten: viele Perspektivwechsel, häufiger Wechsel von direkter und indirekter Rede.

Entstehungszeit: Juni 2010

Inhalt: Der vergleichsweise junge Essener Literat besucht eine literarische Veranstaltung der Oberen Zehntausend. Inspiration erhofft er sich, da er gerade an einer Geschichte zum Thema »Sprachenvielfalt im Ruhrgebiet« arbeitet. Er findet sie zuhauf. Schließlich hören sich die Großkopferten sehr gerne reden.

Auszug: »Gebückt arbeiten zu können, zäh zu sein, ja, das waren die Anforderungen an die Menschen im Ruhrgebiet. Sogar war es erwünscht, besonders geistlose Menschen herbeizulocken, Menschen, die ihr Tun und Handeln nicht hinterfragen, also stundenlang im diffus Dunklen zu kauern und schwer arbeiten zu müssen für ein paar Moneten. Auf diesem, Verzeihung, ungebildeten Pack hockt nun das Ruhrgebiet.«

»Sie nannten ihn Klacker-Kliemeck«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 18 Minuten

Temperament: lakonisch, erregt

Entstehungszeit: Januar 2017

Inhalt: Bei Klacker-Kliemeck klappert’s die ganze Zeit, weil er immer Kannen, also Spraydosen mit sich schleppt. Er ist Streetart-Künstler, Graffiti und solche Sachen. Wir begleiten ihn im Alltag. Morgens, in „seiner“ U-Bahn-Station seiner Heimatstadt Essen fällt ihm auf, dass diese im Grunde seit zwanzig Jahren renoviert wird, also die U-Bahn-Station beziehungsweise die Verteilerebene. Welche Schweine füllen sich mit dieser Dauerbaustelle wohl den Ranzen? Er regt sich auf. Am meisten aber regt er sich darüber auf, dass sich gerade in seiner Heimatstadt niemand darüber aufregt. Sind denn bereits alle vonne WIZ, äh WAZ gleichgeschaltet worden? Oder ist der Ruhri tatsächlich indolenter und dümmer als der Kölner oder der Berliner? Letztlich landet er bei seiner Kunst. Fehlt Ihr vielleicht doch eine wirkungsvolle Instanz, gerade jetzt, wo alle Welt von der Macht des Bildes redet und wir Vereinfachungsakrobaten nur mehr noch mit Emojis operieren, wenn wir Gefühle auszudrücken versuchen?

Auszug:»Ich will hier ja nicht mit dem Totschlag-Argument kommen, also mit den Kindergartenplätzen und so weiter, ich denke aber, dass so ein Freibad, wo man an heißen Tagen noch ein Stück Wiese findet, ich denke, dass funktionierende Straßenlaternen in Huttrop, Katernberg oder Vogelheim, dass das schon mit diesem Geld gut finanziert werden könnte. Und, Pardon!, ich muss nun doch damit anfangen, denn die Essener Grundschule, die nicht vom Keller bis hoch zum Dachfirst vergammelt und verschimmelt wäre, die muss man ja erst mal ausfindig machen! Und die Grundschulen, wo, wenn eine Lehrkraft mal ausfällt, wo dann einfach stundenlang nix … also gar nix passiert und unsere Liebsten und Förderungswürdigsten dann bescheuert in die Luft äugen und darauf warten, dass Langeweile und Schimmel so peu à peu das Gehirn zersetzen, – diese Grundschulen würden sich auch über den ein oder anderen Pfennig freuen, der stattdessen und seit Jahrzehnten in diese Dauerbereicherungsstätte fließt.«

»Wahrheit Roemisch Eins«: bitte Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 15 Minuten (Hörspiel-Fassung dauert 14:52)

Temperament: lustig, bissig, übertrieben

Literarische Besonderheiten: eine Polemik im Stile des direkt angesprochenen Thomas Bernhard

Entstehungszeit: Juni 2011

Inhalt: Ein Schriftsteller räsoniert über die Eingeborenen vonne Ruhr. Er redet sich in Rage. Er beschimpft, er übertreibt und am Ende findet er sogar einen recht versöhnlichen Ausgang.

Auszug: »Der vor keinem Gericht dieser Welt zu rechtfertigende Stolz aller Ruhris fußt auf Urgroßvaters Zeiten, als sie willfährige Waffenschmiede wilhelminischer und faschistischer Ungeheuer waren. Ihre Rolle in den Nachkriegsjahren überbewerten sie maßlos und blasen sie auf gerade so, als ob man Stahl fressen könnte. Dabei neiden sie auf ihrem Weg des steten Niedergangs, des fortdauernden Misserfolgs allen alles.«

»Ulriken«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 25 Minuten

Temperament: poetisch, liebevoll

Literarische Besonderheiten: ein sehr metaphorischer Text alten, vor allem romantischen Stils mit allerhand Skurrilitäten

Entstehungszeit: Juni 2007

Inhalt: Durch einen Zufall trifft er Ulriken nach langer Zeit wieder. Sie werfen ihre Pläne über Bord und durchwandern auf der Suche nach Schönem einen Tag lang ihre Heimatstadt – am Morgen den Norden, danach den Süden Essens.

»Tun se alle am Bahnsteig stehn«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 12 Minuten (Hörspiel-Fassung dauert 12:42)

Temperament: lustig, bissig

Literarische Besonderheiten: im Dialekt des Ruhrgebiets geschrieben

Entstehungszeit: Juni 2009

Inhalt: Die großen Heroen der „Ruhrgebietskunst“, die ihr Publikum verwöhnen mit einem Niveau, »das so hoch ist wie die Berge des Wattenmeers«, tun im Vorfeld der Kulturhauptstadt 2010 zufällig alle »am Bahnsteig stehn«.

Auszug: »Abber die Touristen, sacht der Rothmann, wenn die dann kommen, wo sollen die denn hingehen? Mach ma halt ne Lesung, sacht der Goosen und der Zuch aus dem die Akyün gestiegen is, der steht immer noch da. Kommt die Gerburg Jahnke, nich ausm Zuch, weil der is ja grad abgefahrn, sondern, hömma, einfach so ausm Tunnel hoch und sacht: Wenn Donnerstach is, is Donnerstach. Und dabei war gar nich Donnerstach. Aber dat Wetter, hömma, dat Wetter. Und wat sacht der Stratmann dann ziemlich plötzlich, so ganz ausse Lameng heraus? Heute komm ich Mal mit Mein Bein, und weißte wat, wat der Rothmann dann sacht? Hömma, ein Stier, ich bin ein Stier.«

»Die janusköpfige Reminiszenz an Oberhausen«: Aufklappen für mehr Infos

Vorlesezeit: etwa 14 Minuten (Hörspiel-Fassung dauert 15:32)

Temperament: gediegen, hanseatisch mit nur wenigen Ausbrüchen

Literarische Besonderheiten: klassische Erzählung, tatsächlich etwas dystopisch

Entstehungszeit: Mai 2010

Inhalt: Ein Großvater erzählt seinem Enkel aus jenen Zeiten, als es Oberhausen noch gegeben hat.

Auszug: »Die meisten Bürokraten hatten aber noch nie auch nur einen Fuß nach Oberhausen gesetzt, dachten aber, man müsse auf das Schicksal der vielen alten Fabrikhallen aufmerksam machen. Aber wiederum war keiner mutig. Man tauchte nur noch mehr alte Fabrikhallen in buntes Licht und nannte es fortan Kunst.«

 

Der ursprüngliche Plan: Eine Hörbuch-Fassung

Zum großen Leidwesen des Klangkünstlers und des wunderbaren Sprechers Sunke Janssen musste die ursprüngliche Idee, die Geschichten als Hörbuch herauszubringen, vor allem aus verlagsstrategischen Gründen verworfen werden. Die vier Ruhrgebietsgeschichten sind fertig produziert, dürfen aber nicht veröffentlicht werden. Für die viele Arbeit wurden Sprecher und Tontechniker abgefunden, womit die Enttäuschung über das nicht verwirklichte Hörbuch freilich nur geschmälert werden konnte.

Weitere Infos zur unveröffentlichten Hörbuch-Fassung: bitte aufklappen

Im Sommer 2012 machte mich ein glücklicher Umstand bekannt mit dem Dortmunder Tontechniker Dirk Abel. Nach weniger als fünf Minuten stand fest: Wir machen Hörbücher. Ich vernahm begeistert, dass Abel seine langjährige Berufserfahrung auf den Gebieten Live-Mischung und Post-Production um die künstlerische Komponente, die Klanggestaltung, erweitern wolle. Der Hobby-Musiker war es auch, der den Kontakt zu Sunke Janssen herstellte.

Janssen arbeitet als Sprecher, Synchronsprecher und Texter. Während unseres ersten Treffens im Wohnzimmer Abels schnappte sich Janssen das Manuskript zu »Die Bilanz – eine kleine Abrechnung« und las es uns vor in einer Manier, die ich sofort als unverschämt ausmachte – als unverschämt vielzüngig, unverschämt leidenschaftlich und unverschämt besser als es mir jemals gelingen wird.

Der Sprecher in 'Einfach Geschichten': Sunke Janssen

Der Sprecher in ‚Einfach Geschichten‘: Sunke Janssen

Sofort erinnerte ich mich an »Das Türenkonzert«, jenes Hörstück, das der großartige Bühnenschauspieler Traugott Buhre anno 2008, weniger als ein Jahr vor seinem Tod, so hinreißend interpretiert hatte. Spätestens seit dieser Zeit weiß ich sehr genau, wie ein geübter und leidenschaftlicher Sprecher einen Text nicht nur bereichern, sondern ihn regelrecht erhöhen kann.

Die Gestaltung des Covers übernahm der Kommunikationsdesigner Stefan Michaelsen.

3 Kommentare

  1. Vielsagend und vielversprechend!!
    Freue mich darauf!

  2. Ein grandioses Cover!

  3. Ich bin schon sehr gespannt auf die erste CD aus dieser Reihe, das klingt vielversprechend und sieht auch schon so aus! In gespannter Vorfreude ein frohes neues Jahr.

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