Der Verlag Ingo Munz

Anstelle eines Leitbildes: Ein Interview zwischen Lovis Löwenthal und Ingo Munz

LOVIS LÖWENTHAL: Herr Munz, ich kenne Sie mittlerweile, ja, ich darf sagen jahrzehntelang. Ich kenne Ihr Werk und, was bei dem, worauf ich hinaus möchte, schwerer wiegt, ich kenne Ihre Einstellung, Ihre Einstellung zur Literatur, Ihre Einstellung zum Leben. Aus diesem Grund war ich nicht wenig erstaunt, als ich Wind bekam von Ihrem Vorhaben, einen Verlag zu gründen. Verraten Sie mir, von welcher Art die Getränke waren, als diese Idee in Ihnen reifte?

INGO MUNZ: Die Idee reifte über einen längeren Zeitraum. Sie war kein Kurzschluss und also ganz gewiss keine Schnapsidee. [lange Pause]

Kontaktdaten des »Verlag Ingo Munz«

Verlag Ingo Munz

Rellinghauser Straße 114

45128 Essen

02 01 – 61 61 81 58

www.ingomunz.com

E-Mail: verlag[at]ingomunz.com

ISBN-Verlagsnummer: 978-3-944585

Labelcode: LC-30486

Erstvergabe-Schlüssel für das ISRC-System (International Standard Recording Code): RT7 Umsatzsteuer-Identifikationsnummer: DE287075198 Steuernummer: 5112/5291/2407

 

Download des PDF Das Programm des »Verlag Ingo Munz«, Dezember 2015 (Download).


LOVIS LÖWENTHAL: So hätten Sie vielleicht die Güte und erzählten uns ein wenig?

INGO MUNZ: Uns? Ihnen schon, aber wer ist uns?

LOVIS LÖWENTHAL: Die Weltenöffentlichkeit.

INGO MUNZ: Ach so! Alles begann mit dem Ende an der Arbeit zu »Das Nichts und die Liebe«. Einmal mehr war ich bereits lange vor dem letzten Buchstaben gedanklich bei neuen Projekten. Einmal mehr war ich damit zufrieden, all jenen aus dem „engeren Kreis“, die nicht schnell genug davonlaufen konnten, die neusten Ergüsse zu präsentieren. Einmal mehr, das ist die Wahrheit, machte ich mir keine Gedanken über eine Veröffentlichung. Ich gefiel mir in der Rolle des naiven Schreiberlings, der nur schreibt und schreibt und schreibt, und dem das genügt.

LOVIS LÖWENTHAL: Ja, ja, so habe ich Sie kennen lernen dürfen.

INGO MUNZ: Ja, ja, sympathisch, nicht wahr? und so erfrischend unpragmatisch. Ich hörte häufig: Der wahre Künstler produziert, auch wenn es für seine Kunst keine Nachfrage gibt. Und tatsächlich gefällt man sich in dieser Rolle, denn man spürt, wie man über den Dingen steht. Man spürt, wie die Menschen um einen herum Ziele jagen, die sie gerade darüber, dass sie jagen, nie erreichen werden. Sie wollen wie die Trolle in Ibsens Peer Gynt sich selbst genügen, scheitern aber alle daran, dass sie ohne die Aufmerksamkeit anderer nicht leben können.

LOVIS LÖWENTHAL: Sie genügen sich also jetzt nicht mehr, warum?

INGO MUNZ: Weil ich schwach bin und eitel, wie die anderen auch. Plötzlich nehme ich mir zu Herzen die Stimmen anderer: Ein Autor, der nicht gelesen wird, ist keiner, höre ich. Ich bin zwar nach wie vor anderer Meinung, aber beeinflusst werde ich von solchen Aussagen schon. Andere behaupten, zum Handwerk des Künstlers gehöre die Selbstvermarktung ebenso wie die Kunst der Pinselführung oder die richtige Verwendung des Konjunktivs.

LOVIS LÖWENTHAL: Das klingt nun nicht mehr so sympathisch. Muss es denn gleich ein eigener Verlag sein? Sie hatten doch gute Kontakte zu kleineren Verlagen und auch ordentliche Veröffentlichungen!

INGO MUNZ: Kein Wort von mir gegen diese Verlage! Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Werke, ohne einen Verlag dahinter, kaum weniger rezipiert worden wären. Die kleinen Verlage haben einfach nicht die Möglichkeiten, einen Autor wirklich zu unterstützen. Das ist eine verdammte Binsenweisheit, ich weiß. Was für viele vielleicht nicht so selbstverständlich klingt: Oft ist ja das Gegenteil von Unterstützung der Fall, selbst wenn Autor und Verlag einander Wohlwollen entgegenbringen. Man hemmt sich. Besser jedenfalls wäre es, so dachte ich mir, wenn ich alles selbst mache. Zumal ich ja auch viele Leute kenne, Komponisten und Tonkünstler, Sprechvirtuosen und Akrobaten des Zeichnens!

Gedichte, Erzählwerke, Hörstücke der Gegenwart – der »Verlag Ingo Munz«.

pdf Download des Verlagsprogrammes, Dezember 2015.

LOVIS LÖWENTHAL: Na das klingt ja prima. Und alle arbeiten natürlich umsonst für Sie…

INGO MUNZ: Nein, das tun sie nicht. Das sollen sie auch nicht. Das Prinzip lautet: Lust am kreativen Prozess plus Erfolgsbeteiligung. Gemeinsam wird entschieden über Design und die generelle Machart der jeweiligen Publikation. Fast gemeinsam, denn am Ende entscheide ich, weil ich ein kleiner Diktator bin, weil ganz einfach einer entscheiden muss und weil Demokratie die vielleicht größte Illusion ist auf Erden. Ich habe dieses Vorgehen »Alleingang mit Freunden« getauft. Natürlich ist es auch meine Sache, wie viel Kraft und Anstrengung ich in Werbung und Vertrieb investiere und mit wem ich zusammenarbeite. Das ist ein großer Vorteil, ein Vorteil, den die meisten Künstler, weil sie ja so gut untergekommen sind, gar nicht kennen. Und es fällt ein grobes Ärgernis weg: Ich muss jetzt nicht mehr vergeblich auf meinen Anteil warten.

LOVIS LÖWENTHAL: Das mussten Sie bereits?

INGO MUNZ: Ja, nicht nur darauf warten, sondern ihn nicht bekommen.

LOVIS LÖWENTHAL: So fordern Sie Ihren Anteil doch ein!

INGO MUNZ: Wie macht man das?

LOVIS LÖWENTHAL: Sie wollen Brot, Sie gehen zum Bäcker; Sie wollen Ihr Recht, Sie gehen zum…

INGO MUNZ: … zum Teufel? Zum Teufel! Ich wollt‘ schon tugendhaft sein. Es muss was Schönes sein um die Tugend, Herr Löwenthal. Aber ich bin ein armer Kerl! Ich glaube, wenn ich in den Himmel käme, so müsste ich donnern helfen.

LOVIS LÖWENTHAL: Büchner und Woyzeck, ja, Ausweichen, nein! Herr Munz, ich glaube nicht, dass Sie ein guter Unternehmer werden können.

INGO MUNZ: Ich bin zu naiv, ich weiß.

LOVIS LÖWENTHAL: Es ist nicht allein das. Sie kommen aus kleinen Verhältnissen. Dort wird die Moral meist groß geschrieben, siehe Woyzeck.

INGO MUNZ: Sie kennen mich gut.

LOVIS LÖWENTHAL: Sie werden nie in der Lage sein, unangenehme Entscheidungen zu treffen, stimmt’s nicht?

INGO MUNZ: Womöglich.

LOVIS LÖWENTHAL: Das werden Sie aber müssen, um erfolgreich zu sein. Das alte Prinzip von Shen Te und Shui Ta, Brecht, Sie wissen schon. Sie werden feststellen müssen, dass eine Rechtsschutzversicherung Sinn macht. Sie haben keine Rechtsschutzversicherung und Sie werden auch nie eine besitzen, ich kenne Sie doch! Sie werden feststellen müssen: dort draußen gibt es Leute, die geben vor, mit Ihnen zusammenarbeiten zu wollen. Die wissen alle, dass ein großer Geldregen unwahrscheinlich ist, dennoch spüren sie das Spezielle an Ihnen, das Eigentümliche, und so halten sie es insgeheim doch für möglich, endlich einmal im richtigen Zug zu sitzen. Diese Unsicherheit aber führt zu halbgarer Identifikation und zu halbgarer Motivation. Und alle, die nur halbgar bei der Sache sind, reden sich ein, der Partner, sprich Sie, verehrter Herr Munz, bemerke das nicht. Sie werden, kurz gesagt, feststellen müssen: dort draußen lauern Bestien Sie auf. Die werden Ihre Gutmütigkeit und Einfalt schamlos ausnutzen, und Sie, Sie können sich noch nicht einmal distanzieren von diesen Menschen, weil Sie so sind wie Sie sind.

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INGO MUNZ: Mein Gott, Herr Löwenthal, so lassen Sie doch die Kirche im Dorf! Ich achte bei diesem Versuch darauf, ganz bürgerlich, mich und meine kleine Familie nicht zu verschulden. Wenn ich nur vierzehn CDs und drei Bücher verkaufen sollte, so tut es mir einzig leid für die beteiligten Künstler und jene, die mich unterstützen. Der Laden ist in Sekundenschnelle mit einem formlosen Brief ans Gewerbeamt wieder dicht. Und seh’n Sie: Ich bin doch noch nicht vollkommen blöd. Glauben Sie, ich wüsste nicht, dass der Versuch, mit Literatur Geld zu verdienen dem Versuch gleichkommt, in der Wüste Sand zu verkaufen? Ich will auch kein verlegerisches Imperium gründen, denn ich gestehe ein: in mir tobt kein Wille zur Macht. Letztlich kann man das Unterfangen »Verlag Ingo Munz« als folgerichtigen Schluss einer akribischen Selbstbeobachtung ansehen: Ich mache die Augen auf und sehe Buchstaben, ich mache die Augen zu und sehe Buchstaben. Ich prüfe alles, was ich sehe, rieche und erspüre auf literarische Verwertbarkeit. Ich bin Buchstaben! In dieser Eindimensionalität versuche ich mich einzurichten. Und bisweilen denke ich an jenes getreue Häuflein, das im Anschluss an eine Lesung glaubhaft versicherte, es halte das eben Gehörte gerne in Buchform in Händen. Dieser Handvoll möchte ich etwas Schönes vorlegen.

LOVIS LÖWENTHAL: Gelogen! Gelogen! Ich kenne Sie. Mit einer Handvoll geben Sie sich nicht zufrieden.

INGO MUNZ: Dennoch werde ich jetzt nicht, Herr Löwenthal, vom Dichter zum Kaufmann mutieren. Natürlich ist mir bewusst, dass ich mit jeder Minute, die ich in Vertrieb, Marketing, Kooperationen et cetera investiere, den Verkauf der Bücher erhöhe. Aber ich werde nicht um jeden Preis nur auf die Verkäufe schielen. Der Preis ist zu hoch, wenn ich fürs Schreiben keine Zeit mehr finde.

LOVIS LÖWENTHAL: Sie werden scheitern!

INGO MUNZ: Ja natürlich! [lange Pause] Aber ich lerne auch hinzu.

Weitere Informationen zu Ingo Munz finden Sie unter Biografisches sowie in der Werkübersicht.

LOVIS LÖWENTHAL: Ich bitte mit allerhand Nachdruck um eine Konkretisierung.

INGO MUNZ: Nun, es ist ja nicht uninteressant, die andere Seite kennen zu lernen, die Seite und Warte des Verlegers, des Unternehmers, desjenigen, der sein Portemonnaie aufmacht. Bislang kannte ich ja nur das Dasein als Angestellter, das heißt: seinen Arsch hinhalten und am Ende des Monats die Entschädigung kassieren und sich keine weiteren Gedanken machen. Dass dies ein ordentliches Stück Freiheit bedeutet, merke ich jetzt, wo ich die Unfreiheiten des Selbstständigen erkenne und beginne die Nase zu rümpfen, wenn der kleine Mann mal wieder auf „die da oben“ schimpft.

LOVIS LÖWENTHAL: Der kleine Mann? Herr Munz, was ist nur aus Ihnen geworden? Wann treten Sie in die FDP ein? Sie verleugnen doch Ihresgleichen!

INGO MUNZ: Ich verleugne niemanden! Ich sehe nur immerfort den Kleinen, der auf die Großen schimpft und den Großen, wie er die Kleinen gängelt. Ich sehe den Städter, der ganz genau weiß, wie das Landleben abläuft. Ich sehe den Provinzler, der Städter für bescheuert erklärt. Ich sehe den Kinderlosen, wie er schimpft auf die Väter und sehe Väter, wie sie den Kinderlosen Egoismus vorwerfen. Ich höre den Junggesellen veralbern den Ehemann und den Ehemann die Junggesellen. Dergleichen, wie gesagt, mit Angestellten und Arbeitgebern, mit Geistes- und Naturwissenschaftlern und so weiter und so fort. Je älter ich werde, desto mehr fällt mir auf, dass unter all den toleranten Wunderwerken, die dort draußen herumstolzieren, es immer dasjenige Wunderwerk am allerbesten weiß, das nur die eine Seite kennt. Ja, die reißen das Maul immer am weitersten auf. Ja, die populärsten Meinungen sind immer noch die, die auf Unwissenheit fußen. Das nervt mich tierisch. Und am Schlimmsten ist, Herr Löwenthal, wenn ich persönlich, wegen meiner verschissenen Neugier, einmal mehr eine neue „andere Seite“ kennen lerne, die andere Seite der Medaille, und mich dann schämen muss, weil ich mich genötigt sehe, über Jahrzehnte währende Einstellungen und Meinungen über den Haufen zu werfen. Je mehr „andere Seiten“ der Mensch in seinem Leben kennen lernt, desto langweiliger wird er, will sagen: weniger radikal, weniger rebellisch. Eine jede neue „andere Seite“ führt dich weg von der Radikalität und hin zur Mitte, die mir eigentlich verhasst ist.

Bitte lesen Sie auch das literarische Verständnis von Ingo Munz. Es ist eingeteilt in die Kapitel Lyrik, Prosa und Drama.

LOVIS LÖWENTHAL: Das ist ja nun alles nichts Neues. Lassen Sie uns zum Verlag zurückkehren und gestatten Sie mir die Frage: Warum haben Sie sich nie an einen großen Verlag gewendet?

INGO MUNZ: Ganz einfach: weil es keinen Sinn gemacht hätte! [lange Pause]

LOVIS LÖWENTHAL: Nun?

INGO MUNZ: Zu schlecht!

LOVIS LÖWENTHAL: Na das sind doch die besten Voraussetzungen!

INGO MUNZ: [lacht]

LOVIS LÖWENTHAL: Nein, wenn Sie die Texte wirklich für schlecht erachteten, würden Sie nicht das Risiko des Autorenverlags eingehen.

INGO MUNZ: Der Autor ist ungefähr der letzte, der seine Texte im Sinne von gut oder schlecht einschätzen sollte.

LOVIS LÖWENTHAL: Ja, ja, schon gut. Raus mit der Sprache!

INGO MUNZ: Die Texte sind zu speziell.

LOVIS LÖWENTHAL: [schon leicht genervt] Und was heißt zu speziell?

INGO MUNZ: Na zu speziell halt, in allem. Vor allem der Inhalt. Den Geschichten des Autors Ingo Munz gehen oft richtige Handlungen abhold, die fehlen einfach. Die interessieren ihn nicht. Sein Interesse an dem Mensch und den Menschen ist größer als das Interesse an dem, was diese Menschen erleben. Anders formuliert: Ihn reizt es mehr zu fragen, warum der Mensch so und nicht anders handelt als zu beschreiben wie er handelt. Die meisten Menschen aber interessiert das wie. Wie vögelt der oder die? Wie bringt er den oder jene um? Wie verreckt dieser und benutzt jene den Zeige- oder den Mittelfinger? Das Wie interessiert die Menschen, das Warum kann sich ja jeder Leser und Hörer selbst erklären, so heißt es doch heutzutage. Heutzutage, wo fast jeder alles weiß und sich für den Größten hält. Je mehr ein Autor sich auf Kosten des Wies dem Warum widmet, desto schulmeisterlicher wirkt er, und schulmeisterlich zu wirken ist out, out, out! Die Verlage und deren Lektoren wissen das. Und also, Herr Löwenthal, kann sich Ingo Munz das Porto sparen.

LOVIS LÖWENTHAL: Und was ist noch so unglaublich speziell an seinen Werken.

INGO MUNZ: Iss er seine Erbsen und spare er sich mich zu veräppeln!

LOVIS LÖWENTHAL: Schon gut.

INGO MUNZ: Der Duktus, zum Beispiel, die Syntax, die Wortwahl und die Lust auf das Unperfekte.

LOVIS LÖWENTHAL: Die Lust aufs Unperfekte?

INGO MUNZ: Ein Beispiel: Lana del Rey. Summertime Sadness. Ja was hat die für ein Stimmchen! Wie hübsch dieses Goldkehlchen anzusehen ist! Und diese Melodey, eingängig, rund, richtig. Und der Liedtext? Ja sappradi! Kiss me hard before you go! Wer wollte dem nicht zustimmen? Richtig, alles ist so unglaublich richtig, so unglaublich perfekt. Endlich einmal, denkt man, trifft da jemand genau meine Meinung. In Wirklichkeit ist es aber jedermanns Meinung, schon tausende Male gehört und vernommen. Nix gegen Meinungen, denen alle zustimmen können, die müssen ja nicht zwangläufig schlecht sein, aber solcherart Kunstwerke sind mir auf Dauer zu langweilig, wenn da einfach nichts ist, worüber man mal nachdenken kann, nichts, das für ein wenig Reibung sorgt, eben rein affirmative Kunstwerke.

LOVIS LÖWENTHAL: Dann machen Sie es besser!

INGO MUNZ: Ich mache es so, wie ich es für richtig halte. Nehmen Sie das Video von den Flurpoeten! Konzeption und Vorbereitung: Null Minuten. Umsetzung: ein Besäufnis lang. Hat die Kamera, mit der dieser Mist aufgenommen wurde, zwölf oder doch neunzehn Euro gekostet? Wie viele Kästen Bier mussten sterben, damit erwachsene Menschen sich zu so etwas hinreißen lassen? Was machen die überhaupt da? Und was ist das für ein bescheuerter Text? Wissen Sie was, Herr Löwenthal, das weiß ich selbst nicht mehr so genau. Und genau das ist das Spannende! Mir sind Fragen lieber als Antworten. Ich kann den Geschmack der Leute nachvollziehen und akzeptiere, ohne mich zwingen zu müssen, wenn sie Lana del Rey den Flurpoeten vorziehen. Ich muss nur konstatieren: mir, mir sind die Flurpoeten lieber und das, das ist mein persönliches Problem.

LOVIS LÖWENTHAL: Und ich habe ein persönliches Problem mit Ihrer fast zwanghaften Bevorzugung der Andersartigkeit, mit diesem Plädoyer auf den Individualismus, von dem Sie ja behaupten, er sei Ihnen verhasst.

INGO MUNZ: Energisch appelliere ich an Ihre schon vielfach unter Beweis gestellte Fähigkeit, die Dinge logisch zu durchdenken, ohne sich leiten zu lassen von Vorerwartungen und einem stählernen rhetorischen Ziel, denn wie Sie eine Brüderschaft zwischen Andersartigkeit und Individualismus zu konstruieren glauben, ist mir ein verdammtes Rätsel. Herr Löwenthal, lassen Sie mich erklären anhand eines Beispiels: Sehen Sie, ich würde wirklich gerne mal wieder in eine richtige Tomate beißen, in eine Tomate, die schmeckt wie eine Tomate! Oder nehmen Sie Radieschen! Sie kennen doch Radieschen? Ich erinnere Zeiten, da konnte man die Radieschen ohne Salz und ohne einen ordentlichen Bissen Brot kaum runter kriegen, so scharf war‘n die. Und heute? Heute schmecken die Radieschen wie Möhren und Möhren wie Radieschen. Ein einziger Einheitsbrei! Und so ist es in der erfolgreichen Literatur doch auch, also in der, die gelesen wird. Alles gleich, wie die Menschen, wie die Interessen der Menschen. Ich verkaufe also mit meiner Literatur, Herr Löwenthal, nicht nur Sand in der Wüste, sondern ich schwätze Lemmingen obendrein eine Individual-Beratung auf. Das muss schief gehen. Aber es muss doch noch ein paar geben, die bereit sind trocken Brot zu fressen und die aufbegehren gegen ökonomischen Faschismus, gegen die Meinungseinfalt und gegen den generellen Konformismus in Sachen Literatur, Kultur, Politik. Die großen Verlage? Ja natürlich stellen die sich hin und schwadronieren etwas von einem Bildungsauftrag. Sie verweisen auf ein paar unbekannte, sehr spannende Autoren, die sie – Gott wie großherzig – in ihr Verlagsprogramm aufgenommen hätten. Aber was machen sie dann mit ihnen? Sie stellen ihre Werke in die hintersten Ecken der Buchhandlungen, die manchmal sogar dem Publikum zugänglich sind und sagen: na ja, die Werke seien vom Leser nicht angenommen worden … Hingegen groß beworben werden mit Hilfe der verbrüderten Zeitungsverlage und inszenierter Skandale die immer gleichen Fotzen-Thriller der immer gleichen Autorenkollektive oder die immer gleichen ghostwriterisierten Banalitäts-Memoiren der immer gleichen schwachsinnigen und psychotisch-neurotischen Fernseh-Prominenz aus Sport und Politik. Die großen Verlage glauben, man brauche den Menschen nichts anderes vorzusetzen. Und womöglich haben sie damit sogar Recht, denn zum Großteil ist der potenzielle Leser ja tatsächlich ein sediertes Ibuprofen-Monster, eine Schlaftablette auf zwei Fettstampfern, ein selbstherrlicher Rechtsschutzversicherungs-Rebell und pornoindoktrinierter Schlechtvögler. Die meisten Menschen, also die potenziellen Leser sprechen ja tatsächlich viel lieber über die Vorzüge von Schlangengurke und Aubergine bei der Einfuhr in Arsch und Möse als selber mit Leidenschaft, mit Hingabe und vor allem mit Liebe zu vögeln. Damit ist im Grunde alles gesagt.

LOVIS LÖWENTHAL: Herr Munz, dieses Interview dient der Selbstdarstellung Ihres Verlags und, wie gesagt, die Weltenöffentlichkeit hört zu! Glauben Sie wirklich, man könne die Welt mit einem derart vulgären Zungenschlag ansprechen? Und überhaupt: Wollen Sie als Verlag Ingo Munz Random House oder dem WAZ-Konzern den Krieg erklären? Herr Munz, Sie benötigen dringend eine Rechtschutzversicherung.

INGO MUNZ: Wir sterben, jetzt schon!

LOVIS LÖWENTHAL: Ich verstehe, Sie wollen also nicht unterscheiden zwischen Autor und Verleger. Sagen Sie mir doch wenigstens noch, ob es so etwas wie ein Leitbild des Verlags Ingo Munz gibt, vielleicht einen Themenschwerpunkt, einen Roten Faden, der sich durch alle Werke ziehen wird?

INGO MUNZ: In allen Werken wird es um die Wahrheit gehen.

LOVIS LÖWENTHAL: Oha, oho, na das ist ja nun mal ein Ding!

INGO MUNZ: Ich war noch nicht fertig!

LOVIS LÖWENTHAL: Pardon!

INGO MUNZ: Ich meine mit Wahrheit nicht, was wahr ist, ich spreche vom Verhältnis zur Wahrheit. Ich müsste ein wenig ausholen. Sie haben doch noch Zeit?

LOVIS LÖWENTHAL: Sie wollen mir wieder einmal die Welt erklären, stimmt’s? Fassen Sie sich kurz!

INGO MUNZ: Die Welt, also der Mensch, hat vor allem drei Probleme. Erstens: Er hält sich nicht nur für den Größten, er muss sich für den Größten halten. Zweitens: Je älter er wird, desto mehr wird er zum Misanthropen. Drittens: Sein größtes Hemmnis ist seine Furcht vor Veränderung. Aufgabe des Verlags Ingo Munz ist es, vor allem Ingo Munz zu ermutigen, sich gegen diese Probleme zu stemmen.

LOVIS LÖWENTHAL: Konkret bedeutet das: Es geht um Gerechtigkeit, um Liebe und um das Verhältnis zur Wahrheit?

INGO MUNZ: Exakt!

LOVIS LÖWENTHAL. Ein Schlusswort?

INGO MUNZ: Vor ein paar Monaten ermöglichten mir Volker Troche sowie Christiane und Lothar Pues den Besuch des »Salon Kufsteiner Strasse«. Zu Gast waren Henning Ritter und Peter Sloterdijk. Die beiden nahmen in einem tatsächlichen Gespräch die Welt auseinander, setzten sie wieder zusammen und stellten irgendwann und naturgemäß fest, dass man eigentlich nicht weitergekommen war. Folgerichtig frug Sloterdijk am Ende dieser gepflegten Konversation Henning Ritter: Ja was ist denn nun die Aufgabe des Intellektuellen? Henning Ritter, dieser durch Stimme und Körperbau so zerbrechlich wirkende Mann, ließ sich mit einer Antwort lange Zeit, um dann fast leise ins Auditorium zu flüstern: Er muss die Starken nur immer schwächer und die Schwachen nur immer stärker machen.

LOVIS LÖWENTHAL: Vielen Dank!

1 Kommentar

  1. Lieber Ingo,
    schön gesagt!! Und das mal ohne übertriebene Abwertung deiner Selbst und deiner Gegenüber. .
    Wie Woody Allen gesagt haben soll: Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird.
    In diesem Sinne ein Hoch auf den Verlag Ingo Munz!

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