Ein gescheiterter Versuch über die Kurzgeschichte

Analyse und Merkmale (nicht für Interpretationen von Kurzgeschichten geeignet!)

 

Albert Camus: Kurzgeschichten

Kurzgeschichte, Kurzgeschichte, wie das das schon klingt! Das klingt doch ein bisschen nach Lambrusco und Knäckebrot, nach Graupensuppe und Handbohrer, nach … nach Kurzarbeit. Das klingt doch aus sich heraus schon arg bescheiden. Das klingt wie etwas, das uns in Gottes Namen genügen soll, wenn nichts Besseres zur Hand ist – und das war’s, das war’s schon. Hier ist der Beitrag bereits zu Ende. Fieber, allerhand weitere Unpässlichkeiten, besondere Umstände im persönlichen Umfeld und ein noch nicht abgetragener Berg voller Arbeit, der jeglichem Anfang rotzt in die Visage. Ja, es ist mir unmöglich, diesen Versuch zu Ende zu bringen. Schade. Denn ich wollte doch Frau Horn schreiben, warum mich Alice Munro, sagen wir: nicht begeistert. Wollte die Brücke schlagen zu Harold Pinter und den bekannten Strickmustern des spannenden Schreibens, also der bröckchenweisen Präsentation von Spektakulärem, nach dem Motto: Es sollte das der Tag sein, an dem er sie zum ersten Male schlug … Hier, dachte ich, verweise ich auf meine Sicht des großen Kunstwerks, verlinke auf den Klaus Betzl-Beitrag und hätte dann erklärt, warum diese Strickmuster der Spannung irgendwann unglaublich langweilen. Dostojewski hätte auch einen mitbekommen. Wegen seiner seitenlangen Beschreibungen der Schuhschnallen irgendwelcher Statisten. Das könne man sich, hätte ich geschrieben, in Kurzgeschichten gar nicht leisten. Ich wollte auf jenen Dichter eingehen, dessen Name ich immer wieder … Henning, hilf! Goethe, ja, Goethe, so heißt er; also seine Definition der Novelle, das mit den unerhörten Begebenheiten et cetera. Ach, ich wollte doch charmant über Robert Walser plaudern, über diesen wahren Gott, der aber leider auch keine Kurzgeschichten schreiben konnte. Warum? Nein, das krieg ich jetzt nicht mehr hin. Fieber und so. Und Camus. Camus wollte ich erwähnen, na ja, Eigennutz. Iris Radisch ist ja heut Abend im Folkwang und stellt ihr Buch vor: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Und da dachte ich, na ja, wo doch bald der Roman erscheint, das könnte ihr schmeicheln, dachte ich, und es gibt ja auch noch ’nen anderen Grund, dass der Camus doch mal gesagt hat, die Amerikaner schrieben, um Bücher zu verkaufen, die Europäer hingegen, um, na ja, um …, Sie wissen schon. Halt anders, die Europäer, sie schreiben halt aus anderen Gründen, sagte der Camus, glaube ich. Und dann wäre ich, hätte ich diesen Versuch geschrieben, dann wäre ich echt in die Bredouille gekommen, weil alles natürlich wieder so geklungen hätte, wie wenn der kleine Schiriftsteller (sprich: Schi-rift-steller) aus reiner Eifersucht kritisierte. Denn dass ich Dostojewski sonst, na ja, das überliest man ja immer wieder, weil ja die meisten Menschen lesen, um die eigenen Vorstellungen bestätigt zu bekommen. Die meisten Menschen müssen ja gar nicht mehr lesen, weil sie sich immerfort nur immer die eigenen Gedanken vorlesen, da kommt man einfach nicht mehr dazwischen, da ist einfach kein Durchkommen, Schluss, sozusagen oder so zu sagen. Scheiß drauf! Jedenfalls hätte ich am Ende dieses Versuchs dann doch noch Versöhnliches präsentiert. Nur, um nicht für ganz größenwahnsinnig abgestempelt zu werden.

»Die einen schreiben, weil sie verkaufen wollen, die anderen, weil sie was zu sagen haben.«

Der Franz Xaver Kroetz, der Heinrich Böll, die Luise Rinser …

Da muss man ja aufpassen, Facebook und so, da ist Bescheidenheit schon besser, so lange man keinen Namen hat. Irgendwann dreht sich das dann ja wieder um, also wenn man dann plötzlich einen Namen hat. Aber davon sollte ja gar nicht die Rede … Sie wissen schon. Kroetz, denke ich, hätte ich auf jeden Fall angeführt. Gute Kurzgeschichten, verdammt gute, die kann der Franz Xaver Kroetz schreiben, hätte ich geschrieben. Luise Rinser hätte ich angeführt, wie immer. Irgendwann hätte ich dann diesem Vollpfosten noch einen mitgegeben, dem, der die Geschichten Munros vergleicht mit denen von Čechov. Da hätte ich dann geschrieben, also so sinngemäß, dass wenn einer so saugute Stücke schreibt wie der Čechov, dass der dann unmöglich gleichzeitig auch gute Geschichten schreiben kann, so ungefähr hätte ich das gemacht und hätte gesagt, der Vollpfosten soll doch zu Hause gehen, jawoll, Daniel Berg hätte ich zitiert, der soll doch zu Hause gehen! Und Böll? Klar, auch den hätte ich genannt, nur um zu provozieren, denn wer lacht einem heutzutage nicht offen ins Gesicht, wenn man die Geschichten Bölls gutheißt? Und an einer passenden Stelle, wahrscheinlich etwas weiter oben, wo auf die Strickmuster der Spannung eingegangen worden wäre, da hätte ich untergebracht diesen Link und hätte hingewiesen auf die eigene Lesung am Samstagabend. Aber da muss man natürlich aufpassen, dass dann nicht plötzlich 100 Leute, so ein richtiger Mob, vor der Türe der Freundin in Rüttenscheid steht und um Einlass fleht, weil ja der große Ingo Munz am Samstag drei Kurzgeschichten liest: »Ulriken« ganz gewiss, wahrscheinlich »Endlich ist der Mensch und nicht ist die Gerechtigkeit« und vielleicht »Meine Lampe und ich« und vielleicht noch eine oder eine andere, das wird sich dann am Samstag entscheiden.

[Ein gescheiterter Versuch über die Kurzgeschichte]

Das Wesen der Kuzgeschichte

Weitere Sperenzchen zum Wesen der Kurzgeschichte findet Ihr in dem Beitrag »Kurze Prosa und Musik« sowie in meinem »Literarischen Verständnis Prosa«.

Achtung, Theorie! Was bedeuten Prosa, Drama, Lyrik?

Warum sich der Inhalt die Form sucht

 

Alexander Puschkin

Literarisches Verständnis: Prosa

Starker Tobak! Warum, wer sendungsbewusst ist, am besten Prosa verfertigt und Antwort auf die Frage, wessen Romane zwar gerne gelesen, aber auch schnell wieder vergessen werden.

Literarisches Verständnis Drama, von Ingo Munz

Literarisches Verständnis: Drama

Der ewige Goethe hängt kopfüber vom Schnürboden eines Stadttheaters herab. Neben ihm: Ingo Munz und ein gewisser Lovis Löwenthal. Es gibt den Faust. Und es geht sehr ordentlich zur Sache!

Literarisches Verständnis Lyrik, von Ingo Munz

Literarisches Verständnis: Lyrik

Warum Lyrik weniger mit Handwerk zu tun hat als die meisten denken. Und endlich Aufklärung darüber, warum Ingo Munz Johannes R. Becher Gottfried Benn vorzieht.

Videos aus dem Verlag Ingo Munz

Lovis Löwenthal empfiehlt

Lesungen und visuelle Kleinodien zum Thema Prosa

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⇒ Augen zu vor der Wirklichkeit

Die Erzählung handelt von Andreas Lubitz, der am 24.03.2015 als Kopilot eines Airbus A320 "sein" Flugzeug ins Gesteinsmassiv der französischen Alpen manövriert. Die Geschichte zeigt, welche gesellschaftlichen Missstände solchen Taten zugrunde liegen können. Es ist leicht, die Gesellschaft oder ein »System« verantwortlich zu machen. Unangenehm wird es, schaut man auf die einzelnen Vertreter dieser Gesellschaft. Regelrecht unpopulär ist die Frage: Sind unsere Anerkennungsmuster noch die richtigen?

⇒ Alibis und dekadente Gesellschaften

Pseudogespräche, Pseudoliebe, Pseudowissen, Pseudoglück, Pseudodemokratie und so weiter.

Wie der Mangel an Rückgrat und Persönlichkeit die Welt zunächst in Langeweile, dann in Gewalt taucht.

⇒ Schön schaurig, das Sauerland

Ein Dorf im Sauerland,
sehr schaurig und sehr schön

Ein nicht mehr taufrischer Sargbauer
beginnt, an nur noch einem einzigen
Sarg zu arbeiten.

Ein Niedergang, ein Schmerz,
ein Wehgesang.
Eine kuriose Wendung.

Ein Bottich voller Religion, voller
Verzweiflung und Sinnsuche,
voller Götter, Rache, Glück und
Unglück.

Eine Geschichte, die Euch ins Denken bringen wird.