Ingo Munz glaube nun wirklich nicht daran, dass sich die Dinge nur immer wiederholten. In schwachen Momenten müsse er allerdings sehr genau Obacht geben, diesem abgeschmacktesten Credo der Postmoderne nicht anheimzufallen, beispielsweise dann, wenn einmal mehr ein über Jahrzehnte hinweg gern gesehener Geschäftspartner mehr oder minder urplötzlich und vollkommen willkürlich zum Schurken erklärt und die Ansicht vertreten wird, er habe es nicht besser verdient als wie ein Hase gejagt, als wie ein Schwein abgeschlachtet und letztlich wie eine Jagdtrophäe in aller Öffentlichkeit ausgestellt zu werden. Immer dann, so Ingo Munz, müsse er an den Teufel im Erdenloch denken.

 

Zur Genese des Stücks

Der Teufel im Erdenloch ist ein Volkstück in zwei Akten. Es entstand, mit allerhand Unterbrechungen, in den Jahren 2004 bis 2007. Das Stück wurzelt in dem Versuch, Bemühungen und Sinn der von Lovis Löwenthal begründeten Bewegung Amorkratie. Jetzt! aufzuzeigen. Jedoch scheiterten zunächst essayistische, später erzählerische Ansätze rasch an einem fehlenden theoretischen Unterbau. Es erwies sich, dass jene Gesinnung, die Amorkratie, nur unzulänglich sich in Worte fassen lässt und es darauf ankommt, ein Gefühl, ein Lebensgefühl, dessen Lebendigkeit und wie sich diese Lebendigkeit äußert, sichtbar werden zu lassen. Naturgemäß war es damit nicht mehr weit bis zu dem Glauben, ein Bühnenstück biete bei diesem Vorhaben die besten Möglichkeiten. (vergleiche dazu: „der Inhalt sucht sich die Form“, in Ganz oben unterm Schnürboden I)

 

Die Handlung

Der frohgemute ung schon leicht altersmilde Amorkrat sowie seine beiden Gefreiten Jeff und Evander bilden einen Spähtrupp, um den Diktator Saddam Hussein auf Feindesgebiet ausfindig zu machen. Während einer Rast auf einem Bauernhof, der scheinbar nur von der alten Bauersfrau Selime und ihrer Tochter Mariam bewohnt wird, entdeckt man den Diktator versteckt in einem Erdenloch. Fortan bewacht der gleichmütige, zurückhaltende und sinnliche Jeff das Bauernhaus mitsamt den beiden Frauen. Zwischen dem Amorkraten und Evander, einem recht ungestümen Naturell, besteht Uneinigkeit darüber, wie man mit dem Diktator umzugehen habe. Nach einem Fluchtversuch Saddams, nach erbitterten Wortgefechten und mindestens einem Handgemenge findet man sich damit ab, die Nacht und den nächsten Morgen ohne weitere Unterstützung und auf sich allein gestellt miteinander verbringen zu müssen. Der neue Tag sieht die Akteure mal in verliebtem, mal in disputierendem, mal in philosophierendem Lichte, bis die Entscheidung in Person des Majors Schwarzkopf herannaht.

 

Kritiken und Beckmessereien

Im Rahmen des Hamburger Thalia-Theaterpreises wurde Der Teufel im Erdenloch von dem einzigen Juror, dem ZEIT-Kritiker Gerhard Jörder, als „misslungene Komödie in Knittelversen“ stigmatisiert. Diese Einschätzung muss man akzeptieren. Es überrascht allerdings, dass einem „Experten“ die gewaltigen Unterschiede zwischen einem Volksstück und einer Komödie nicht geläufig zu sein scheinen. Überdies möchte man Herrn Jörder zurufen: Nicht alle Dichtungen in freier Rhythmik sind automatisch Knittelverse! Und fragen möchte man ihn, ob er weiß, dass Goethes sakrosankter Faust zur Hauptsache aus Knittelversen besteht? Ingo Munz entschied sich, wie viele Dichter vor ihm, für einen freien Rhythmus, um besser variieren zu können, weil er um die emotionalen und manipulativen Unterschiede von beispielsweise jambischen und trochäischen Verszeilen weiß.

Katastrophale Besprechung im Hamburger Abendblatt

Katastrophale Besprechung im Hamburger Abendblatt

Aus nicht unwichtigen Kreisen des Mülheimer Theaters an der Ruhr zielte eine weitere Kritik ab auf die Figur des Saddam Hussein. Zeitstücke seien problematisch, hieß es von dort. Hierzu ist Folgendes zu sagen: Natürlich spielt das Stück im Irak, im Herzen Mesopotamiens, und natürlich spielen allerhand „geschichtspolitische“ Ereignisse eine große Rolle. Es bedarf aber keines außergewöhnlichen Abstraktionsvermögens, um sich vorstellen zu können, wie die Person des Saddam Hussein nicht nur leichter Hand ersetzt werden könnte durch beispielsweise Muammar Gaddafi oder Napoleon Bonaparte, sondern auch durch all jene Despoten, die wir aus den Mikrokosmen Familie und Arbeitsplatz zur Genüge kennen.

 

Leseprobe I

Erster Akt: Nach einem Handgemenge zwischen Saddam und Private Evander schlichtet  der Amorkrat…

DER AMORKRAT:
Ein gemeines Wort zur falschen Zeit
Und schon entfacht ein blut’ger Streit.

PRIVATE EVANDER:
Weil an allem sie sich stoßen,
Diese Hinterwelt-Mimosen.
Zeigt man sich bei uns verletzt,
Wenn einer gegen Jesus hetzt?

DER AMORKRAT:
Die meisten nicht.
Was uns anficht,
Entstammt ganz dieser Welt,
Zum Beispiel Geld.

PRIVATE EVANDER:
Sir, gleichviel.
Mir ist es wirklich sehr verpönt,
Wenn einer mir verbieten will,
Was aus diesem Munde strömt.
All die Helden meiner Jugend
Traten ein für Freiheit und auch Tugend.
Für Toleranz und Offenheit
Waren sie zu kämpfen stets bereit.
Jetzt hält man es für angebracht,
Dass die Welt darüber lacht?

DER AMORKRAT:
Man verwechsle nicht die Freiheit
Mit bleierner Beliebigkeit.
Wohlfeiler Private Evander,
Zwar soll man Menschen niemals drängen
Doch würden Sie mir anvertrauen,
Welchem Glauben Sie anhängen?

PRIVATE EVANDER:
Sir, ich glaube, dass die Lakers
Die Meisterschaft gewinnen.
Ich glaube, dass Frauen
Die größten Freuden bringen,
Glaube, dass Rapper
Die besten Lieder singen.
Und, da bin ich mir ganz sicher:
Ich glaube, dass man um die Freiheit
Kämpfen muss und ringen.

DER AMORKRAT:
Wohlan, glücklich ist der Mann,
Der noch Leidenschaften anführ’n kann.
Doch bevor wir weiter diskutieren,
Möcht’ ich einen Fall mal konstruieren.
Gesetzt, ich schriebe ein Theaterstück
Und wär’ beseelt davon, dass ich entzück’.
Ich schüfe allerlei Figuren,
Mit scharf gezeichneten Konturen.
Das Stück würd’ spielen in den Zonen,
Wo die armen Menschen wohnen,
Wo der Dichter Verse schreibt,
An denen sich der Reiche reibt,
Wo Musiker noch Lieder spielen,
Die auf Ehrbarkeit abzielen.
Doch kurz vor Ende – das gibt es nicht! –
Stellt’ ich fest: es fehlt der Bösewicht!
Flugs baut’ ich einen Tölpel ein,
Der frech und boshaft obendrein.
Und dieses dumme Schwein
Würd’ Ihr Lieblingsrapper sein.
Und da ich alle Mittel wollt’ ausschöpfen,
Ließ’ ich ihn schlussendlich köpfen.
Ja, kein Blatt nehm’ ich vor meinen Mund.
Was mir gefällt, tu’ ich dir kund!
Ich lebe, Gott sei Dank,
In einem hübschen, freien Land.
Und wen ich auf der Bühne köpfen lasse,
Ist ganz alleine meine Sache.
Fühlt sich einer auf den Schlips getreten
Und droht mir an Kalamitäten,
So frag’ ich ihn ganz nonchalant,
Ob ihm die Freiheit sei bekannt.
Müssten Sie ein solches Stück nun sehen,
Würd’ es Ihnen dabei gut ergehen?

PRIVATE EVANDER:
Ein wenig wär’ ich schon erbost
Und vielleicht sucht’ ich im Faustkampf Trost.
Jedoch die Freiheit der Kultur
Oder feige Selbstzensur…

DER AMORKRAT:
…worüber wir hier reden nur
Ist nicht die Freiheit der Kultur.
Worüber wir hier reden
Ist schlicht und einfach das Benehmen!

 

Einschätzung des Autors

Ich bin mir bewusst: Künstler überlisten sich gerne und tragen gerade jene Machwerke tief im Herzen, die auf geringe Resonanz stoßen, die sogar offen abgelehnt werden. Ja, auch ich halte eisern an meinem Teufel fest. Mag er noch beim allerletzten, bei dem unbedeutendsten Stückewettbewerb unten durchfallen, mag er damals, als ich das Manuskript im Anschluss an die „Nathan-Inszenierung“ in den Bühnenbauch des Berliner Ensembles schmiss, in der Hoffnung freilich, irgendwer würde den Teufel im Erdenloch dem Claus Peymann stecken, mag er also damals sogar von dem geschätzten Claus Peymann gelesen und für nichtig beurteilt worden sein – ich halte meinem Teufel die Treue, immer!

 

Was will ein Kunstwerk bewirken, wenn es keine Zumutung ist?

 

Was ist so schlimm an dem Teufel im Erdenloch? Das Stück beschreibt, wie Menschen dahin gelangen können, einen Tyrannen, einen Diktator, einen Schwerverbrecher, einen Menschen, den viele lieber tot als lebendig sähen, wie es dazu kommen kann, dass man solch einen Menschen entkommen lässt. Dabei geht es weniger um die Frage, ob dies die richtige Entscheidung wäre, als darum, was passieren muss, um zu solch einer Entscheidung zu gelangen. Viele Menschen, das musste ich erfahren, empfinden allein diese Fragestellung als Zumutung. Nur, da ich irgendwo und irgendwann einmal die kluge Frage las: Was will ein Kunstwerk bewirken, wenn es keine Zumutung ist?

Und es gibt sie ja auch, diese Zumutungen. Praktisch jede private und öffentliche Schatulle öffnet sich bereitwillig, wenn es darum geht auf der Bühne nachzuspüren, warum ein paar Dorfdeppen, meinetwegen in Mecklenburg-Vorpommern, einen Kameraden mehr oder minder aus Langeweile in die Kante eines Schweinetrogs beißen lassen, um ihm dann unter allerlei Gejohle das Gehirn aus dem Schädel zu treten. Hier lieben es die Bühnenschaffenden und deren Geldgeber, wenn „das Psychologische“ haarfein ausgearbeitet wird. Und in wahren Buskolonnen hievt man die Schüler unseres Landes in die Theater, damit sie sich solche Stücke ansehen und begreifen, zu welch gewaltigen Exzessen der Mensch in der Lage ist. Kein Schwein empfindet dies als Zumutung. Mit Empörung dagegen reagieren viele auf den Teufel, weil man darin – sozusagen – dem Bösen gewaltig liebevoll begegnet. Will sagen: entweder warf man mir vor, ich sei böse, weil ich das Böse nicht bekämpfe, oder, was nicht wenige machten, oder man unterstellte mir grobe Einfalt.

Eine Einfalt im Übrigen, die mir selbst von irakischen Dissidenten und Kriegsopfern nicht unterstellt wurde. Tatsächlich führten mich meine Recherchen vor und während des Schreibens am Teufel auch in sogenannte „irakische Kulturvereine“. In einem, dem Irakischen Kulturverein im Essener Stadtteil Altendorf, gaben mir die Menschen gerne Auskunft. Zunächst frug ich nach kulturellen Dingen wie Vornamen, Kleidung oder Vorlieben in Sachen Musik und Kulinarischem. Ich erbot mir Auskunft über die örtliche Vegetation, über das Aussehen eines irakischen Bauernhofs. Schritt für Schritt tastete ich mich vor.

 

Saddam wird „im Teufel“ nicht bloßgestellt, er wird vor der Weltenöffentlichkeit nicht gedemütigt.

 

Bald frug ich nach den Veränderungen, seitdem man Saddam gestürzt hatte (die Ergreifung Saddams lag nur einige wenige Monate zurück, seine Hinrichtung war längst noch nicht beschlossen). Dann begann ich allmählich, von der Handlung des Stückes zu erzählen. Ich erzählte, wie ein Spähtrupp von drei Männern Saddam erfassen sollte. Ich erzählte, wie diese Männer Saddam nicht bloßstellen und ihm nicht ins Gebiss hinein fotografieren sollten, wie diese Männer Saddam nicht vor der Weltöffentlichkeit demütigen würden, wie man miteinander diskutierte, wie sich sogar eine Liebesgeschichte entwickelte und wie es ein gemeinsames Essen geben würde. Die Männer, ich erinnere es ganz genau, lauschten immer interessierter. Dann endlich kam die entscheidende Frage, gestellt von dem Vorsitzenden des Vereins, der mir direkt gegenüber saß, der am ganzen Körper beständig zitterte und unkontrolliert zuckte, dessen Haut im Gesicht und an den Händen fürchterlich von Brandnarben entstellt war, der, wie er mir erzählt hatte, ein Überlebender des Giftgasangriffs auf Halabdscha (Halabja) sei und der mir den gesamten Nachmittag über Tee nachschenken ließ, weil er aufgrund seiner zittrigen Hände dazu selbst nicht mehr in der Lage war, von ihm also kam die entscheidende Frage: »Finally, what will happen with Saddam?« Selbstverständlich hatte ich Respekt vor dem, was auf meine Antwort hätte folgen können.

Letztlich aber schreibe ich diese Zeilen. Ich denke an Immanuel Kant und an seinen philosophischen Entwurf Zum ewigen Frieden, worin er den Tyrannenmord rechtfertigt und legitimiert. Ich bin anderer Meinung, und darin liegt wohl meine Einfalt.

 

Leseprobe II

Zweiter Akt: Saddam und der Amorkrat im Gespräch über Freiheit…

SADDAM:
Gut, Sie schimpfen mich ein Ungetier,
Weil, so zumindest glaubt ihr,
Ich als Tyrann dem Volk gebiete
Und ihm den freien Lauf verbiete.
Doch die meisten Menschen sind ganz schlicht
Auf Freiheit nicht erpicht.
Zu Pflichten, Recht, Verantwortung
Verhalten sie sich gerne stumm
Und schieben diesen Ballast
Dem Nachbarn zu, in aller Hast.
Auf der Couch will er nur sitzen –
Sollen doch die andern schwitzen!
Nur wenn ein Furz mal quer sitzt,
Der Mensch sich kurz erhitzt,
Um dann ordentlich zu toben
Auf die paar Idioten oben,
Die ihm das Denken abnehmen
Für sein Leben im Bequemen.
Das Gerede von der Freiheit,
Hat der Teufel selbst gebenedeit.
Jetzt spielt der Mensch die Litanei
Von sich, ganz allein und einsam,
Im grauen, grauen Einheitsbrei.
Noch einmal will ich mir erlauben
Und zur Freiheit sie befragen:
Wie kann ich dem Volke rauben,
Was es selbst nicht mag ertragen?

DER AMORKRAT:
Der Mensch mag das Theater
Auf der Bühne einzig nur.
Theater in dem eignen Kopf,
Ist ihm Geschwür, ist ihm ein Kropf.
Was mich an all dem stört,
Herr Hussein, Herr Präsidente:
Dort, wo Freiheit aufhört,
Ist die Gerechtigkeit am Ende.

SADDAM:
Worüber reden wir hier bloß?
Die Freiheit wird der Mensch nicht los.

DER AMORKRAT:
Freiheitswille hin, Freiheitswille her:
Sie haben Recht, das bringt’s nicht mehr.
Blicken wir auf jenen Willen,
Den alle wir gemeinsam haben.

SADDAM:
Wir wollen unsren Durst mit Rotwein stillen
Und uns an köstlich Speisen laben.
Wir wollen zwei, drei mal am Tag, pardon,
So richtig, na, Sie wissen schon.

DER AMORKRAT:
Das ist es nicht, was ich gemeint’.
Ich sprech’ vom Willen, der alle eint.

SADDAM:
Schlafen… Geld… die Luft zum Atmen…

DER AMORKRAT:
Nein, nein, ganz anders, ich will es verraten:
Was den Menschen so entzweit,
Was den Kopfe ihm verdreht,
Ist das scheußliche Gerede
Von Einzigartigkeit
Und Individualität.
Überall wird suggeriert,
Bedeutend sei der Unterschied.
Zwar differieren die Gelüste,
Sie mögen steh’n auf große Brüste,
Dem andern sind die kleinen lieber,
Ein Dritter gar bevorzugt Dieter.
Doch was wirklich wichtig ist
Und was der Mensch so gern vergisst,
Lässt sich leicht zusammenfassen
Und wird auf jeden Menschen passen:
Ob alt und schwach, ob kerngesund,
Überall auf Erden,
Will der Mensch mit Würde und
Liebevoll behandelt werden.

SADDAM:
Bei diesen Worten staun’ ich nur,
Sie wittern eine heiße Spur.

DER AMORKRAT:
Im Verneinen sind wir alle stark,
Was Wahres sagen, das ist hart!
Fernab der mathematischen Gesetze,
Such’ ich schon lang die wahren Sätze.
Das ist vielleicht nicht lebenswichtig
Und Sie halten dies für dumm und nichtig.
Ihnen will ich diesen Spaß gern gönnen,
Wenn Sie jetzt nur widersprechen können:
In der großen Schöpfung, der absurden Brühe,
Wird niemals je, bei aller Mühe,
Nur einer einen Menschen, ein Getier,
Ja selbst Mikroben und Bazillen
Finden, die nicht nach ihrem Willen
Stets behandelt werden möchten. Saddam überlegt, der Amorkrat blickt siegesgewiss
Ganz nach Vorne könnt’ ich preschen… er rückt näher an Saddam heran, er flüstert
Und gar von einer Wahrheit sprechen. Pause. Dann, fast verzweifelt, hebt er erneut an
Mag der Mensch nur forschend sichten,
Mag er auf seinen Willen gern verzichten,
Mag er ruhig nur von den Genen glauben,
Sie würden ihm das Denkvermögen rauben,
Mag er auf dunkle Mächte in ihm wetten
Und vergleichen sich mit Marionetten,
Eines wird für immer gelten,
Eines steht für immer fest:
Der Mensch wird immer wollen,
Dass seinen Willen man ihm lässt!

 

Schlussbemerkung

Der Teufel im Erdenloch ist kein Stück, das affirmative Jubelstürme beim Publikum heraufbeschwören wird. Der Zuschauer wird nicht mit allem Gehörten zufrieden sein. Aber er wird viele Anregungen mit nach Hause nehmen und das Stück nicht bereits an der Garderobe vergessen haben. Eingedenk der vielen „szenischen Einschübe“, eingedenk vieler absurder, komischer und ernster, fast über-ernster Einlagen, können sich Regisseure richtig austoben. Alles in allem wird etwas geschehen, und zwar nicht zuvörderst auf der Bühne, sondern im Kopf der Zuschauer – was ganz gewiss die mit Abstand wichtigste Aufgabe eines Theaterstücks darstellt.

 

»Ich glaube, die Menschlichkeit fängt an, wo ungeniale Menschen glauben, daß sie aufhört.«

 

Dass sich bislang kein mutiges Theater und kein Regisseur dem Teufel angenommen hat, enttäuscht nicht nur und macht traurig, vielmehr lässt es zweifeln an der Souveränität und dem oppositionellen Potenzial deutscher Theater. Trost findet sich ausgerechnet im Werk von Thomas Mann, der seinem Hans Castorp ehedem in den Mund legte: »Ich glaube, die Menschlichkeit fängt an, wo ungeniale Menschen glauben, daß sie aufhört.«

 

Leseprobe III

Zweiter Akt: Liebesduett zwischen Private Jeff und Mariam. Jeff spielt zärtlich mit den Ausschmückungen ihres Schleiers. Liebevoll nimmt er Mariams Hände:

PRIVATE JEFF:
Wir zwei nur baden im Gefühl,
Das erfühlt uns beide nur. er küsst ihre Hände
Meinen Sinn und Lebenszweck,
O ich erspüre ihn durch dich, endlich! Mariam entzieht sich behutsam seiner Nähe
Mariam, ich darf dich nicht bedrängen,
Obgleich das Licht ich hierher trüge,
Könnt ich gleich dir nur zaubern,
Wie du das Lächeln in die Augen.
Dass der Schleier sich doch lichte
Und Farben ewig mannigfach
Mir meine Welt ausmalten.

MARIAM:
Deine Welt, O Jeff, mag in Farben schimmern.
Hier jedoch glänzt nur das Grau des Schattens.

PRIVATE JEFF:
Wo nur mag der Schatten liegen?
Was hier mein Auge auch erblickt,
Es kennt es schon aus meiner Heimat.
Was euch der Tigris, ist uns der Ohio,
Was euch die Ziegen, sind uns die Rinder.
Und was empor sich reckt auf euren Äckern,
Ist wie bei uns der goldumgrannte Weizen.
Mariam, es erblühen euch die Felder
In traumhaft schönen Farben. Das süße Obst,
Die herben Kräuter, euch in den Munde fallen.
Was nur lässt euch diese Welt in Schatten setzen?

MARIAM:
Was bezweckst du mit der Frage,
Da du die Antwort bereits kennst?
Freien Lauf lass deinen sinnlich Augen!
Hier, Jeff, hat alles seine Ordnung,
Jedoch drüben in der brodelnd Stadt,
Wo meine lieben Brüder wohnen,
Verschwinden in dunklen Kanälen
Blutkonserven und Medikamente.
Ja, vor den stummen Augen dieser Welt
Werden Krankenhäuser ausgeplündert.
Doch keinen kümmert’s. Keinen kümmert’s,
Dass Menschen und Moscheen brennen.
Unseren Museen sterben die Seelen
Und Streubomben trennen vom Rumpf
Die magren Beine unsrer Kinder.
Die Wahrheit ist, dass selbst der Schatten uns den
Rücken kehrt, da hier nur herrscht die düstre Nacht.
Die Welt, O Jeff, missachtet unser weinend Herz,
Wie ein ungezog’nes Kind das Wort des Vaters.

PRIVATE JEFF:
Ich bin anders, sag mir, Mariam,
Wie mach’ ich dein Herz lachen?

MARIAM:
Kennst uns Frauen überhaupt nicht?
In Flammen wartet allen Ortes
Die sehnsuchtsvolle Frau auf den,
Der das Rätsel schweigend löst.

PRIVATE JEFF:
Mit einem stummen Mund
Kann ich dich besser küssen.

MARIAM:
Ach Jeff, du machst mich lachen.

PRIVATE JEFF:
Nichts andres mehr möcht ich erblicken,
Als das Leuchten deiner Augen, wenn du lächelst.
So wie die fernen Sterne gestern Nacht.
Weißt du’s denn nicht mehr?

MARIAM:
Als ob es gestern gewesen wär’.

PRIVATE JEFF:
Was treibst du nur mit mir? Bist du es,
Die auf den Mund legt Rosenblüten mir?
Bist du es, die mich verzaubert wie der
Gesang des Orpheus’ selbst die Götter?
Mariam, ich verliere mich,
Und, Mariam, gewinne dich. er lustwandelt auf sie zu
Ich legte meine Brust auf deine Lende,
Dass sie sie pochen spürte,
Ich ließe wandern meine Hände,
Als ob der Zufall sie nur führte.
Ich glitt mit meinem Mund
Hinein in deine Seele
Und endlich fänden meine Augen,
Was sie sich nie zu sehen trauten.

MARIAM beginnt zu Tanzen:
Mit deiner Stimme süßem Klang
Nimmst meinen Herzschlag du gefangen.
Jeff, dein zärtlich Wort ist mir der Rhythmus,
Der meine Beine tanzen macht.

PRIVATE JEFF:
Du tanzt und schwebst in Schleierwolken.
Und, sieh! Auch ich muss planlos plötzlich tanzen,
Wiewohl ich gestern noch nicht wusste,
Ob ich es bin, der sich bewegt.
Durch dich fand ich den Weg
Hinaus aus meinem tiefen Gleichmut.

MARIAM:
Auch meine Seele fror, bis dass
Die Blitze gestern Nacht
Mein Herz entfachten
Und endlich meine Seele.

PRIVATE JEFF:
Still nur glänzt und drängt und pocht es
In meinem ganzen Innern.
Fernab von dem Alltäglichen,
Leg ich mich vor dich hin,
Denn jenseits alles Irdischen
Mein Wille erst beginnt zu atmen.
Und doch, da ich es dir nicht kundtun sollt’,
Seh’ ich dich tanzen in dem Leben,
Seh’ ich dich sein an jenem Ort,
Der itzt auch mich droht zu verschlucken.